Rettet die Nachtzüge!

Rettet die Nachtzüge!

Den Eisenbahnfans fuhr der Schrecken in die Glieder: Die Deutsche Bahn stellt ihr Nachtzug-Angebot ein. Zum Fahrplanwechsel am 11.12.2016 soll es keine Nachtzüge mehr in Deutschland geben. Aus Kostengründen, wie es hieß. Das Nachtzuggeschäft sei ein Nischengeschäft und schlage mit Verlusten zu Buche.

Dabei sind Nachtzüge nicht nur was für hoffnungslose Eisenbahnromantiker – die gibt es natürlich –, sondern nach wie vor eine sinnvolle und kostengünstige Verbindung zwischen Städten des europäischen Kontinents. Schließlich lassen sich bei der Hin- und der Rückfahrt im Nachtzug schon mal zwei Hotelübernachtungen einsparen.

Trotz der hohen Zahl von 1,3 Millionen Reisenden war das Geschäft mit den Nachtzügen in Deutschland schon lange in Gefahr. Rote Zahlen der Deutschen Bahn, ein veralteter Wagenpark und hohe Preise werden von Beobachtern als Gründe dafür angesehen. Doch es gibt Hoffnung. Nach jüngsten Meldungen wollen die österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) das Nachtzuggeschäft der Deutschen übernehmen und künftig mehrere Nachtzugstrecken in Deutschland bedienen.

Der Orientexpress und seine Schlafwagen

Die treibende Kraft für den Einsatz von Schlafwagen in entsprechenden Nachtzügen war der belgische Bauunternehmer Georges Nagelmackers. Er gründete 1872 die Compagnie International des Wagons-Lits (CIWL) sowie die Compagnie International des Grands Hotels und wirkte so maßgeblich bei der Entwicklung des Orient-Express mit.

Die Erfindung der Schlafwagen kam aus den USA mit ihren langen, von der Ost- bis zur Westküste reichenden Strecken. In einfacher Bauart gab es die Schlafwagen dort schon ab 1830. Luxuriöse Ausführungen, wie wir sie aus Hollywood-Produktionen wie Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“  oder Hitchcocks „North by Northwest“ kennen, entwickelte George Mortimer Pullman in den Jahren 1859 bis 1863. Der Geschäftsmann gilt zwar als berühmtester Konstrukteur und Produzent von Schlafwagen, ist aber entgegen der geläufigen Meinung nicht deren Erfinder. Sein Name („Pullman Waggon“) jedoch ist für immer mit diesem Genre verbunden.

Nagelmackers Verdienst war es, die Schlaf- und Speisewagen in Europa eingeführt zu haben. Der Plan, eigene internationale Luxuszüge über das Streckennetz verschiedener europäischer Bahngesellschaften laufen zu lassen, erwies sich wegen deren eifersüchtig gehüteter Monopolrechte zunächst als schwierig zu realisieren. Durch Verhandlungen mit den Eisenbahngesellschaften im damaligen Königreich Frankreich, Großherzogtum Baden, Königreich Württemberg, König- und Kaiserreich Österreich-Ungarn sowie dem Königreich Rumänien konnte der tüchtige Belgier dank der Unterstützung von König Leopold II. am 5. Juni 1883 vom Pariser Gare de l’Est aus den ersten Luxuszug mit ausschließlich von der CIWL ausgestatteten Wagenmaterial über München, Wien, Budapest und Bukarest bis zum rumänischen Donauhafen Giurgiu fahren lassen. Später wurde die Strecke bis Konstantinopel (heute Istanbul) erweitert. Dieser Zug wurde als „Orient-Express“ berühmt. Die Krimi-Schriftstellerin Agatha Christie setzte ihm mit ihrem Roman „Mord im Orient-Express“ ein Denkmal.

Wo gibt es noch Nachtzüge in Europa?

Die Schweiz betreibt mit den Schweizerischen Bundesbahnen wegen der geringen Größe des Alpenlandes keine Nachtreisezüge mehr. Hingegen fahren verschiedene Linien der City Night Line von und zu Schweizer Bahnhöfen wie beispielsweise Zürich–Rügen oder Zürich–Amsterdam. Als Nachtzüge sind daher in der Schweiz vor allem Nachtregionalzüge bekannt; sie verkehren meist als S-Bahnen.

In Österreich fahren einige Linien der ÖBB als EuroNight-Züge von Österreich in die Schweiz, nach Deutschland und Italien. Zwischen Bregenz und Wien besteht eine inländische Nachtzugverbindung. Die ÖBB Personenverkehr hat den Betrieb der Nachtreisezüge komplett an andere Gesellschaften wie etwa die CIWL ausgelagert. Nach dem Stand jüngster Verhandlungen werden die ÖBB möglicherweise einen Teil der von der DB aufgegebenen Nachtzugverbindungen in Deutschland übernehmen.

In den Niederlanden bietet die Niederländische Staatsbahn jede Nacht einen stündlichen Verkehr auf den wichtigsten regionalen Eisenbahnlinien an. In Frankreich betreibt die SNCF unter der Marke „Intercités de nuit“ ein Netz von Nachtzügen. In einigen Ländern (Russland, Ukraine, Polen, Norwegen, Schweden) sind Nachtreisezüge, nicht zuletzt auch wegen der großen Fläche dieser Länder, bis heute die Stütze des Fernverkehrs.

Für den Ticketkauf im europäischen Netz werden bei entsprechender Suche im Internet eine Reihe von Verkaufsstellen genannt. So gibt es beispielsweise von Deutschland nach Italien, Kroatien, Wien und Budapest verschiedene Buchungsmöglichkeiten.

Blick in die Zukunft

Die Nachtzüge können gerettet werden. Hoffnung macht eine Studie der DB Mobility Networks und des Internationalen Eisenbahnverbands (UIC). Dabei werden neuartige Nachtreisezüge im Hochgeschwindigkeitsverkehr untersucht. Eine Fahrt mit bis zu 300 km/h von Madrid nach London wäre in 12 Stunden möglich. Allerdings müssten die Züge mit dem wesentlich langsameren Güterverkehr abgestimmt und die Trassenmieten reduziert werden. Ein Gewinn für die Umwelt wäre das sicherlich – vergleicht man die Nachhaltigkeitsbilanzen von Bahnfahrten mit dem Emissionsausstoß von Flugreisen.