Reisen ohne Smartphone
Einfach mal abhängen und ein Buch lesen, anstatt ins Smartphone zu starren. (Umhängetasche: Leonhard Heyden)

Reisen ohne Smartphone

Den Alltag hinter sich lassen, Neues kennenlernen und etwas für die Gesundheit tun – das sind die meistgewünschten Urlaubsziele. Orte, die das bieten, gibt es reichlich, doch immer weniger Reisende finden sie – nicht trotz Internet und Smartphone, sondern gerade wegen der digitalen Allgegenwart.

Smartphones machen abhängig, unproduktiv und unglücklich, sagt der Junior-Professor Alexander Markowetz von der Universität Bonn, und Untersuchungen aus den USA kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Je häufiger Internet und Smartphone genutzt werden, desto höher die Anfälligkeit für Depressionen. Und genau diese Geräte sind in jedem Urlaub dabei, lenken ständig mit Nachrichten und E-Mails ab, ersetzen das eigene Erleben und untergraben mit permanenter Nutzbarkeit das süße Nichtstun.

Statt uns den Weg zur Urlaubsharmonie zu weisen, rauben Smartphones wertvolle Zeit. Sie überschütten uns mit Informationen, Alternativen und Angeboten, wollen ständig ein Netz haben und immer wieder eine Steckdose. Und wenn jedes Mitglied der Familie mobil ausgerüstet ist, kann von Familienurlaub keine Rede mehr sein: Die Kleinen zocken, die Älteren chatten, die Eltern checken – jeder gegen jeden und rund um die Uhr. Statt auf das Meer zu blicken, kehren wir ihm den Rücken zu und schießen das geniale Selfie „Ich am Meer“, im Museum lesen wir Wikipedia statt die Handschrift der alten Meister, und statt mit Einheimischen sprechen wir lieber mit Siri.

bild_reisen-ohne_smartphone_600x300

Online-Entzug

Gegen die digitale Sucht hilft nur eine digitale Entgiftung, erklärt die US-Organisation Digital Detox und bietet entsprechende Camps und Kurse an – in Österreich und Bayern werben Hotels und Gasthöfe mit Urlaub ohne Smartphone, und einige Reise-Blogger empfehlen garantiert handyfreie Zonen in den Wäldern Kanadas oder dem australischen Outback für den perfekten Digitalentzug.

Wie nötig der ist, zeigt ein Selbstversuch – für zwei, drei Tage auf Internet und Smartphone zu verzichten, ist für viele kaum vorstellbar. Dabei spricht einiges für eine Smartphone-Diät im Alltag und insbesondere im Urlaub. Laut Markowetz aktivieren Besitzer ihr Handy im Durchschnitt 53 Mal am Tag und unterbrechen damit alle 18 Minuten ihre eigentliche Tätigkeit – bei Jugendlichen liegt diese Quote noch höher. Was wie Freiheit und Flexibilität aussieht, ist tatsächlich das Gegenteil: Das ständige Klicken, Wischen, Schauen stört die Konzentration, senkt die Produktivität und damit auch das Glücksempfinden – im Beruf und in der Freizeit. Ein weiteres Problem ist der Display-Technik geschuldet. Das Licht der Geräte hat – ähnlich dem der Mittagssonne – einen hohen Anteil Blau und dieser fungiert in der Natur als Taktgeber für unseren Schlafrhythmus. Wer also stundenlang und bis in die Nacht auf Computer-, Tablet oder Smartphone-Displays starrt, stört den sogenannten circadianen Rhythmus und riskiert massive Schlafstörungen.

Für Erholungswillige kann das alles zusammen nur das bedeuten: Wer vom Alltag abschalten will, muss zuerst sein Handy abschalten.