Glücklich alleine reisen
Alleine verreisen kann richtig schön sein – aber auf einen treuen Begleiter sollte man lieber nicht verzichten (Foto: Trolley von Hardware)

Glücklich alleine reisen

Egal wohin, Hauptsache weg. Auszeit! Und: Ihr könnt mich alle mal. Genug ist genug. Lasst mich einfach mal in Ruhe. Zwei Wochen. Oder drei. Tschüss! Mit dieser Phantasie im Kopf bummeln täglich tausende Deutsche durch Buchhandlungen, surfen im Netz oder starren schwermütig ins Nichts. Ob Job, Gesundheit oder Familie – Gründe für eine echte Auszeit gibt es viele, und eine Soloreise ist sicherlich die bessere Wahl als Alkohol und Tabletten. Wer ohnehin Single ist, hat klar die besseren Karten, muss man sich doch schließlich niemandem gegenüber erklären oder gar rechtfertigen. Mit Partner oder Familie wird’s schon schwieriger, eine Zeit für sich selbst auszuhandeln. Dabei ist niemand mit diesem Anliegen ein Sonderling.

Experten schätzen, dass aktuell jeder fünfte Urlaubsreisende alleine unterwegs ist, insgesamt pro Jahr ca. 11 Millionen. Ganz genaue Zahlen sind kaum zu erheben, da nur gebuchte Reisen erfassbar sind. Menschen, die mit dem Rucksack zu Fuß unterwegs sind, lassen sich schwer genau zählen. Und da die Zahl der Singlehaushalte steigt, wächst auch die Zahl der Alleinreisenden von Jahr zu Jahr. Soloreisende – egal ob Single oder Single auf Zeit – haben jedoch vielfach mit Vorurteilen zu kämpfen. Im Urlaub alleine sein zu wollen, gilt häufig als verdächtig. Doch es gibt viele gute Gründe für den Alleingang.

Neues machen

Nur eine Auszeit und Abstand zum Alltag zu bekommen, ist vielen nicht wichtig genug. Sie wollen Neues entdecken, ausprobieren, erfahren. Aber egal, ob es dann eine Wanderung durch Irland ist, Nächte unter freiem Himmel auf Gran Canaria oder ein Töpferkurs in Cinque Terre – letztlich ist man nur sich selbst verpflichtet. Oder anders formuliert: Man muss sich plötzlich um sich selbst kümmern – um die Person, die oft zu kurz kommt und vielleicht sogar vergessen hat, eigene Wünsche und Ideen zu haben. Deshalb bitte nicht mit der Tür ins Haus fallen und gleich auf maximale Wunscherfüllung gehen, sondern die Sache langsam und überlegt angehen. Vielleicht genügt es schon, eine Woche im Schwarzwald den Bäumen beim Wachsen zu zuschauen.

Zeit und Ziel

Seit Zeit ein immer kostbareres Gut geworden ist, haben konkrete Orte nicht mehr die absolute Priorität – ganz gleich wo man hingeht, es war schon jemand da. Wichtiger ist, was man an einem Ort macht, wieviel Zeit man dort investiert oder „ausgibt“. Statt Selfies auf dem Hollywood Boulevard zu inszenieren, könnte man sich auch im Schatten der Stadtmauer von Bad Soden-Salmünster niederlassen und einfach mal durchatmen. Wer das auf Anhieb nicht schafft, nimmt ein Buch zur Hand und liest darin. Echtes Abschalten ist schwierig, Ablenkung dagegen leicht zu finden. Doch genau das ist ja Ziel vieler Alleinreisender: Zeit mit sich selbst zu verbringen, ohne Eingriffe von außen.

Eigene Bedürfnisse

Diese Liste ist lang, jedenfalls wenn man den Internetsuchmaschinen Glauben schenkt. Und zur optimierten Selbstfindung bekommt man dort gleich die ultimativ notwendigen Handbücher, Reisewerkzeuge und Zusatzversicherungen unter die Nase gerieben – alles persönlich getestet und für Sie empfohlen vom unbestechlichen Preisroboter. Wollen Sie das? Stattdessen könnte man mal wieder analog an sich herantreten und zum Abschalten einfach ausschalten was irgendwie mit Internet und Immer-Erreichbarkeit verbunden ist. Bedürfnis. Das klingt nach Stuhlgang oder Bedürftigsein. Unterwürfig fast. Aber sind menschliche Bedürfnisse nicht gerade überlebenswichtig und daher besonders wertvoll?

Grenzen und Ängste

„Lieber fünf Minuten feige als ein Leben lang tot“ ist kein Motto für einen Kino-Blockbuster, sondern eine erprobte Strategie, wenn man tatsächlich mal ganz alleine unterwegs ist. Um Neuland zu betreten und Abenteuer zu erleben, muss man nicht gleich alle Vernunft fahren lassen. Mit Flip-Flops auf den Kilimandscharo zu steigen ist sicherlich eine außergewöhnliche Erfahrung – kurze Hose, Basecap, Sonnenbrille – nur das Nötigste, das garantiert pures Erleben wie Sonnenbrand, Beinbruch und Erfrierungen. Nein danke! Es geht eben nicht darum zu überlegen, wie andere das eigene Tun bewerten werden, wie hoch der Coolness-Faktor ist, sondern wie man das Ich pflegt, fördert und stärkt. Das Abklappern von Events und spektakulären Locations hat sein Gutes, bringt Menschen in Verbindung und ist ein großer Wirtschaftszweig, aber Auszeit und Abstand fordern etwas ganz anders: Mut, man selbst zu sein.

Stärker zurück

Am Ende der Auszeit wartet immer die eine große Überraschung: Die Welt hat sich auch daheim weiter gedreht. Ob sich der Fünfjährige endlich alleine die Schuhe binden kann, andere Familienmitglieder die Bedienung der Waschmaschine begriffen haben, oder ob die Nachbarn die Blumen haben überleben lassen – das alles ist wichtig für die Erkenntnis, nicht immer für alles verantwortlich sein zu müssen. Arbeit, Sorgen und Rücksichtnahme auf andere für eine begrenzte Zeit abgeben zu können, ist die Gelegenheit zu echter Erholung. Und damit stärkt jede Soloreise nicht nur das Selbstbewusstsein sondern auch die, die zu Hause geblieben sind.