Begpacking – ohne Geld durch die Welt
Werden zu einem immer größeren Problem in manchen Städten Südostasiens: junge, europäische Betteltouristen.

Begpacking – ohne Geld durch die Welt

Der Rucksacktourismus erlebt derzeit eine neue Hochphase. Vor allem junge Menschen mit wenig Geld nutzen die Art zu reisen, um möglichst günstig die Welt zu entdecken. Tummelten sich vor einigen Jahren noch unzählige Backpacker in Australien und Neuseeland, sind mittlerweile vor allem Regionen in Südostasien und Südamerika in den Fokus der Reisezunft gerückt. Denn dort kann man noch scheinbar unberührte Fleckchen entdecken und sich aufgrund günstiger Preise für Unterkunft und Verpflegung solche Trips auch mit kleinem Budget leisten – aber eben nicht jeder. Deshalb verzeichnen die dortigen Metropolen seit einiger Zeit eine steigende Zahl an bettelnden Rucksacktouristen.

Ein moralisch fragwürdiges Phänomen, das sich momentan einer derartigen Beliebtheit zu erfreuen scheint, dass sogar ein eigener Begriff dafür ins Leben gerufen wurde: Begpacking setzt sich aus den englischen Wörtern „begging“ (zu deutsch: betteln) und „backpacker“ (zu deutsch: Rucksacktourist) zusammen. Dabei sind nicht ausschließlich alle Begpacker auch Bettler, denn es gibt auch noch diejenigen, die Postkarten, Armkettchen oder Umarmungen (ja, genau, Umarmungen) verkaufen oder sich als Straßenmusiker versuchen. Das Problem an der Geschichte: Meist sind die schnorrenden Reisenden privilegierte, westliche Millennials. Also Menschen, die eigentlich nicht ums tägliche Überleben kämpfen müssen.

Beliebte Ziele in Südostasien wappnen sich

Gerade Länder in Südostasien, in denen man eine warme Mahlzeit für oft nur einen Euro und eine Übernachtung im Hostel für weniger als zehn bekommt, sind favorisierte Ziele der Begpacker. Dabei schwelgt der Großteil der Bevölkerung in Ländern wie Thailand, Malaysia, Kambodscha, Laos oder Vietnam nicht gerade im Luxus und reagiert zunehmend verwundert auf die jungen, bettelnden Europäer. Wobei Begpacker nicht ausschließlich in Südostasien zu finden sind, sondern sie wurden auch schon in Südamerika oder Europa gesichtet. Dort aber in weit geringerer Zahl.

Vielerorts ist Betteln zwar bereits illegal, doch wappnen sich die ersten Länder in Südostasien, um der Lage wieder Herr zu werden. So wurde in Thailand unlängst ein Gesetz erlassen, das Besuchern vorschreibt, einen Mindestbetrag von 20.000 Baht (ungefähr 525 Euro) vorweisen zu können, bevor sie das Land betreten dürfen. Damit aber nicht genug: Thailand will zudem die Befugnisse der Polizei weiter stärken, um gegen Begpacker vorzugehen. Die neuen Bestimmungen, die ab August in Kraft treten sollen, sehen höhere Geld- bis hin zu Gefängnisstrafen von einem Monat für illegales Betteln vor.

Ächtung geschieht auch in den sozialen Medien

Während viele Bewohner noch recht entspannt mit der Lage umgehen, sehen es Nutzer in den sozialen Medien etwas kritischer: Unter den Hashtags #begpacker und #begpacking veröffentlichen User Bilder der knickrigen Reisenden und stellen deren oft schamlose Vorgehensweise ungefiltert ins Internet – schädigen diese doch den Ruf einer ansonsten überwiegend anständigen Reisezunft. Aber auch hier gibt es unterschiedliche Meinungen: Die Gegner der Begpacker empfinden den Trend als verwerflich. Wer es sich nicht leisten kann, sollte auch nicht reisen, so die einhellige Meinung. Die Gruppe, die Begpacker toleriert, betont vor allem, dass hinter jedem der Reisenden eine eigene Geschichte steht, die man nicht immer kennt. So könnte es durchaus sein, dass manche durch unglückliche Umstände in Notlagen versetzt wurden und sich nur ein paar Tage über Wasser halten oder sich ihre Rückreise finanzieren müssen. Auch seien die Menschen in manchen Ländern Osteuropas nicht so wohlhabend, wie es beispielsweise viele Einwohner von Hong Kong oder Singapur seien.

Die Gegner kontern häufig mit dem Argument, dass Reisen keine Notwendigkeit, sondern Luxus sei. Denn es gibt ja immerhin auch Wege, wie man Reisen finanzieren kann, wenn man selbst nicht über ein hohes Budget verfügt. So starten viele Jugendliche jährlich zu Work-and-Travel-Reisen oder brechen zum Couchsurfing auf. Aber angeheizt von den Geschichten einiger Begpacker auf Instagram, Twitter und Facebook scheinen manche jungen Leute zum Entschluss zu kommen, dass es auch ohne Moos geht. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen.

Vor allem, wenn Leute ihre Reise bereits ohne eigenes Budget starten wollen. So stellte unlängst ein Influencer-Pärchen eine Kampagne online, die ihnen eine Tandem-Tour von Deutschland nach Afrika finanzieren sollte. 10.000 Euro wollte das Paar für seine Reise sammeln – bezahlen und die Geschichte bekannt machen sollten ihre Follower. Was sie allerdings bisher sammelten, sind ein paar hundert Euro und einen saftigen Shitstorm. So kann’s also auch gehen.

Verlierer sind schlussendlich aber leider auch die Backpacker, die ihre Reisen gewissenhaft planen und durchführen. Mit Sicherheit sind davon genug in der Welt unterwegs, um den geschädigten Ruf wieder zu kitten. Und wenn’s dann doch was anderes als der Rucksack sein soll, loben wir uns doch die bodenständige Pauschalreise – und freuen uns bereits jetzt, wenn wir wieder unser Reisegepäck schnappen dürfen. Oder wir bleiben gleich ganz daheim. Da soll’s ja bekanntlich noch immer am schönsten sein.