Wie viel Stress vertragen Kinder?
Hausaufgaben haben auch schon früheren Generationen keinen Spaß gemacht (Schlamper-Etui: Scout Schulranzen).

Wie viel Stress vertragen Kinder?

Stress, Druck, Überlastung: Üblicherweise assoziiert man berufstätige Erwachsene mit diesen Begriffen. In den letzten Jahren ist jedoch eine weitere Gruppe in die Schlagzeilen geraten, die stressbedingte Symptome aufweist: Schulkinder.

Zu hoher Druck, zu wenig Zeit

Ein Kind soll eigentlich Kind sein dürfen. Aktuelle Zahlen, Statistiken und Publikationen zeigen aber, dass das unbeschwerte Kindheitsideal nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. Die Studie  „LBS-Kinderbarometer“ belegt, dass Kinder in Deutschland die Schule als größten Stressfaktor nennen. Jedes dritte Kind fühlt sich regelmäßig gestresst, selbst die Freizeit könnte man nicht mehr in Ruhe genießen. Die Zeit, um Freundschaften zu pflegen, sei zu gering, und mehr als die Hälfte beklagt, dass es in der Schule zu wenig Raum für Erholungsphasen gebe. Die größte repräsentative Studie in der Altersklasse von Sieben- bis Neunjährigen kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Schon ein Drittel der Zweit- oder Drittklässler fühlt sich oft oder sogar sehr oft gestresst. Siebenjährige könnten den Stressbegriff mit eigenen Worten eindringlich beschreiben. Bei der Frage nach den Auslösern von Stress nennt jedes dritte Kind die Schule als Stressfaktor – noch vor Ärger und Streit in familiären Situationen.

Die Folgen des Dauerstresses: Versagensängste, eine erhöhte Aggressivität und später auftretende Depressionen. Die ständige Angst, die Eltern zu enttäuschen, kann ebenso ein Stressfaktor sein.

Nur die halbe Wahrheit

Die Studienergebnisse klingen erschreckend, sie geben die Realität aber nicht ganzheitlich wieder. Überforderte Kinder sind nämlich kein Phänomen aus der heutigen Zeit. Schon 1836 berichtete der schlesische Medizinalrat Karl Ignatius Lorinser in einem Beitrag für die „Medicinische Zeitung“ von „Überladung und Überreizung“ der Kinder. Fakt ist aber auch: Noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden Kinder wie kleine Erwachsene behandelt.

Zudem zeigt sich ein anderes Bild, wenn man die Forschungsergebnisse der letzten Jahre zusammenfasst: Kindern gehe es demnach nicht schlechter als vor fünf, zehn oder gar fünfzig Jahren. Und der Anteil derer, die nur schwache oder keine Stresssymptome haben, sei schon immer sehr gering gewesen. Der Erziehungswissenschaftler Holger Ziegler sagt dazu: „Kein Stress ist keine Option.“ Kinder seien schon immer mehr oder minder mit Stress belastet gewesen. Es wäre aber viel wichtiger, „Stress“ nicht mehr als Modebegriff zu fassen, sondern genau zu hinterfragen, was die Ursachen vom Unwohlsein des Kindes seien.

Denn insgesamt haben Kinder in der Gesellschaft noch nie so einen hohen Stellenwert gehabt wie heute. Die Kindheitsforscherin Sabine Andresen von der Goethe-Universität in Frankfurt meint: „Zu keiner Zeit hat es dermaßen an den Bedürfnissen der Kinder orientierte Eltern gegeben. Aber auch noch nie solch einen Leistungsdruck.“

Anstatt Panikmache zu betreiben, sollte man das Stress-Phänomen also differenziert betrachten. Und mit ganz einfachen Fragen kann man den deutungsoffenen Stressbegriff zunächst wenigstens eingrenzen und die schuldigen Faktoren ausfindig machen.

  • Haben die Kinder nach der Schule genug Zeit zum Spielen?
  • Bestimmen die Eltern, was der Nachwuchs nach der Schule und an freien Tagen macht?
  • Wie oft hat ein Kind Bauchschmerzen?

Zufrieden sind die Kinder laut Erziehungswissenschaftler Ziegler, die in Schule und Freizeit beschäftigt sind und Aufgaben haben, die sie bewältigen können. „Jede Woche an Flötenunterricht, Schwimm- und Fußballtraining teilzunehmen, klingt viel. Doch die Kinder, die all das mit Begeisterung taten, haben es nicht als Stress wahrgenommen. Das waren dann eher die Eltern.“

Wir resümieren: Stress im Kindesalter scheint relativ normal zu sein. Bei symptomatischen Beschwerden hingegen ist ein Gespräch mit dem Lehrer und/oder Arzt empfehlenswert. Ansonsten gilt für die Eltern: cool bleiben, das Kind durch Überbehütung nicht zusätzlich unter Druck setzen und versuchen, die Ursachen von Stress zu ergründen.