Wer hilft, wenn Lehrer zu Tyrannen werden?

Wer hilft, wenn Lehrer zu Tyrannen werden?

Vor keinem anderen Wochentag fürchtet Paul sich so sehr wie vor Dienstag. Denn die ersten zwei Stunden hat er dann immer Mathe – und jedes Mal muss er zum Vorrechnen an die Tafel. Im Matheunterricht ist das seit ein paar Wochen zur Regel geworden. Sein Lehrer hatte schon zu Beginn des Schuljahres nur seine Hausaufgaben kontrolliert. Als er sie einmal vergessen hatte, fingen die Abfragen an der Tafel an. Mittlerweile ist er dabei immer so aufgeregt, dass er sich überhaupt nicht mehr konzentrieren kann. Jeder Fehler – und davon macht er aufgrund seiner Anspannung und Unsicherheit viele – wird von seinem Lehrer mit zynischen Kommentaren bedacht. Oftmals muss Paul nach dem Vorrechnen bis zum Ende der Stunde in einer Ecke des Klassenzimmers stehen. Von seinen Mitschülern traut sich keiner was zu sagen. Aber es sind nun mal auch erst Drittklässler. Das nagt am Selbstwertgefühl – und an Pauls Leistungen. Denn auch in Arbeiten schneidet er immer schlechter ab, obwohl er den Stoff eigentlich beherrscht. Trotz seinen guten Leistungen in anderen Fächern, wünscht er sich immer häufiger die Schule einfach zu schwänzen, bekommt Bauchweh, wenn er auch nur an die Schule denkt.

Wie Lehrer zu Tyrannen werden

Verbale Attacken, Zynismus, Beleidigungen und Diffamierungen von Lehrern lassen sich nicht mit Hänseleien von Mitschülern vergleichen. Die Kinder sind nach einiger Zeit nicht selten traumatisiert, fühlen sich wie Versager und in manchen Fällen sollen Schüler sogar mit dem Wunsch auf eine Sonderschule verlegt zu werden an ihre Eltern herangetreten sein. Kinder können sich kaum wirkungsvoll gegen solche Attacken wehren. Hilfslosigkeit stellt sich ein. Die Leistungen von Schülern, die derartig unter Druck gesetzt werden, leiden so gut wie immer unter der Situation. Es beginnt ein Teufelskreis aus Versagensängsten und schlechten Zensuren.

Woher kommt es, dass sich Pädagogen ihrer Schutzbefohlenen gegenüber so verhalten? Obwohl die Prügelstrafe (zum Glück) abgeschafft wurde, lassen sich manche Lehrer dennoch zu unerlaubten Bestrafungen hinreisen. Kopfnüsse, ungerechtfertigte schlechte Benotungen, demütigende Bemerkungen, Toilettenverbote (bis manche Schüler einnässen) oder auch schwere Schlüsselbunde, die quer durchs Klassenzimmer geworfen werden, sind nur wenige Beispiele für die perfiden Einfälle, mit denen sich manche Kinder schutzlos konfrontiert sehen.

So sehr einen solche Geschichten auch bewegen, sollte man trotzdem bedenken, dass kaum ein Lehrer morgens mit der Absicht an seinen Arbeitsplatz geht, Schülern Schaden zuzufügen. Viele Lehrer sind einfach überfordert, gestresst und fühlen sich im Stich gelassen. Überfüllte Klassen, zu wenige Lehrkräfte, zu hohes Arbeitsaufkommen. Das wünscht sich niemand für seine Arbeit. Jedoch ist es keineswegs eine Entschuldigung für derartige Handlungen, denn im Gegensatz zu den Schülern haben Lehrer ihren Beruf frei gewählt – Schüler müssen allein wegen der Schulpflicht die Schule besuchen.

Wie Eltern jetzt reagieren sollten

Nichts zu tun ist jetzt das Schlimmste, was man einem Kind antun kann. Schweigen verschlimmert das Problem nur und lässt den Missständen ihren Lauf. Klar sollten die Konflikte rechtzeitig erkannt und entschärft werden, denn mit verhärteten Fronten zwischen Schüler und Lehrer ist eine Intervention immerhin umso schwieriger. Natürlich sind wir aber alle keine Fachleute und entdecken solche Situationen meist, wenn der Zug schon ins Rollen gekommen ist. Darum sollten zuerst ausführliche Gespräche mit den Kindern geführt werden – ganz ohne Druck, mit viel Zeit. Kinder sollten sich von selbst öffnen und über ihre Erlebnisse berichten können. Vertrauen und das Gefühl, dass ihnen geholfen wird, sind immens wichtig – und, dass sich der Schüler für nichts schämen muss, was passiert ist. Was sagt der Lehrer? Gibt es andere betroffene Kinder in der eigenen oder in anderen Klassen? Kamen bereits Klagen über besagten Pädagogen? Gibt es Eltern, die wegen dieses Lehrers ähnliches mit ihrem Kind erlebt haben? Alles Fragen, die sich wahrscheinlich nicht sofort – und schon gar nicht ausschließlich vom Kind – beantworten lassen. Darum hilft vielleicht das Gespräch mit anderen Eltern. Man kann ja mal ganz behutsam nachhorchen, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

Im nächsten Schritt sollte das Gespräch mit dem besagten Lehrer gesucht werden – so unangenehm dieses Vorgehen für alle Beteiligten auch sein mag. Dabei ist es wichtig, nicht zu aggressiv aufzutreten und die Gegenseite ausreden zu lassen. Ist nach dem Gespräch klar, dass sich keine Lösung ergeben wird, sollte als Nächstes die Schulleitung über das Problem informiert werden. Wird auch hier der Missstand nicht mit dem nötigen Ernst verfolgt, oder gar versucht, die Situation unter den Teppich zu kehren, ist in nächster Instanz die Schulbehörde der richtige Ansprechpartner. Hier kann man eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen tyrannische Pädagogen einreichen. Die Bandbreite der möglichen Konsequenzen erstreckt sich von einem Unterrichtsverbot in betroffenen Klassen über eine Versetzung an eine andere Schule bis hin zur Freistellung des Lehrers.

Klagen haben selten Erfolg

Jedoch sollte man bedenken, dass solche Klagen oft abgewiesen werden. Ein Schulwechsel ist oftmals die sinnvollste und einfachste Lösung. Hört sich natürlich ein Stück weit danach an, dass man den Dingen einfach seinen Lauf lässt und der Lehrer sich das nächste Opfer aussuchen kann, aber schlussendlich sollte hier immer das Wohl des Kindes im Vordergrund stehen.

Anders sieht es bei psychischen und körperlichen Verletzungen aus. Solche Vorkommnisse dürfen nicht einfach totgeschwiegen werden. Um Verletzungen zu dokumentieren (und dass sie überhaupt Gegenstand einer Klage sein können) müssen diese unbedingt von Psychologen und Ärzten attestiert werden. Denn oftmals wurden vergleichbare Anzeigen aus Mangel an Beweisen fallen gelassen. Bei körperlicher Gewalt sollte in jedem Fall ein Anwalt konsultiert und Strafanzeige gestellt werden. Behörden können ein Gespräch zwischen dem Kind und einem Gutachter anordnen, um die Glaubwürdigkeit des Kindes einschätzen zu können. In diesen Gesprächen ist es wichtig, den Kindern von Elternseite aus Halt zu geben und sie nicht alleine mit den Gutachtern sprechen zu lassen.

Hier finden Betroffene Hilfe

Mit einer solchen Situation konfrontiert zu werden, ist (zum Glück) für die meisten Eltern nichts Alltägliches. Da ist es selbstverständlich, dass sich viele Mütter und Väter Hilfe und Unterstützung wünschen. Organisationen wie die Elterninitiative gegen Mobbing und Gewalt an Schulen e.V. haben sich darauf spezialisiert, betroffenen Eltern und Schülern zu helfen. Auf der Webseite finden sich unter anderem Erfahrungsberichte, Tipps für Eltern und Kontaktmöglichkeiten.

Pauls Eltern haben übrigens das Gespräch mit dem Lehrer und anschließend mit der Schulleitung gesucht – nachdem seiner Mutter aufgefallen war, wie Paul immer verschlossener und trauriger wurde, und sie der Sache auf den Grund gehen wollte. Da sich der Lehrer wenig einsichtig zeigte, bot die Schulleitung eine Versetzung in eine Parallelklasse an, in der besagter Lehrer nicht unterrichtet. Pauls Eltern wollen sich damit aber nicht zufrieden geben und ziehen einen Schulwechsel in Erwägung. Die Taten des Lehrers wollen sie aber nicht ungestraft lassen und ziehen rechtliche Schritte in Betracht. Gespräche mit anderen Eltern zeigten auf, dass Paul wohl nicht das einzige Opfer ist. Paul ist erst mal nur wichtig, nicht mehr in diesen Matheunterricht zu müssen – und seine Begeisterung für das Fach bei einem anderen, einem guten Lehrer (denn das ist die überwältigende Mehrheit in diesem Berufsstand) wieder entdecken zu können.