Wie lange schreiben Schüler noch von Hand?
Wie lange werden schöne und praktische Federmäppchen (von Scout) in der Schule noch gebraucht?

Wie lange schreiben Schüler noch von Hand?

Dieser Text entsteht im Fünf-Finger-Freestyle-System an einer ergonomisch eher ungünstigen Tastatur. Das könnte Auswirkungen auf seine Qualität haben. Denn je mehr wir das Schreiben von Hand vernachlässigen, desto mehr verschwinden nicht nur unsere feinmotorischen, sondern auch unsere kognitiven Fähigkeiten.

Kein Wunder, dass diverse Institutionen lautstark ihre Sorgen kundtun: Anstatt dass die Schulkinder füllerbewehrt das mehr oder weniger schwungvolle Verbinden von Buchstaben zum handgeschrieben Wort üben, um so schlussendlich ganze Sätze auf Papier zu bannen, entstehen in vielen Grundschulen lediglich Einzelbuchstaben – wenn überhaupt. Die bloße Aneinanderreihung isolierter Buchstaben verhindert jedoch nicht nur die Ausprägung einer eigenen Handschrift.

Diese junge Dame trainiert nicht nur ihre Feinmotorik, sondern auch wichtige Gehirnareale.

Schlechte Handschrift = schlechter Schüler?

Fast alle Lehrer sehen einen Zusammenhang zwischen der Handschrift der Schüler und deren schulischen Leistungen. Christian Marquardt, Wissenschaftlicher Beirat des Schreibmotorik Instituts, bilanziert anhand einer Befragung von 2002 Lehrkräften und 724 Müttern: „Das Ausmaß an Problemen beim Schreibenlernen ist besorgniserregend.“ Für die Lehrer sind die Hauptursachen der Misere eine „schlechte Feinmotorik“ (61 %), aber auch „zu wenig Übung zu Hause“ (61 %) und natürlich die „fortschreitende Digitalisierung“ (53 %). Auch den Eltern fällt die zweifelhafte Schreibqualifikation ihres Nachwuchses auf. Die befragten Mütter sehen allerdings eher Frust und Lustlosigkeit als Auslöser (40 %). Dabei halten 96 % der Mütter das Erlernen einer flüssigen Handschrift für wichtig, fast zwei Drittel sogar für sehr wichtig. Einig sind Eltern und Lehrer auch darin, dass Übung wichtig ist. Jedoch: Während Mütter mehr Übung in der Schule fordern, plädieren Lehrer für mehr Übung zu Hause.

Tastatur statt Stift und Papier?

Dennoch oder gerade wegen der handschriftlichen Misere wird an finnischen Schulen seit Herbst 2016 keine Schreibschrift mehr unterrichtet. Dort steht der Umgang mit der Tastatur auf dem Lehrplan. Eigentlich einleuchtend – schließlich wird unsere Welt immer digitaler, es wird mehr getippt als von Hand geschrieben … und irgendwann sowieso nur noch auf Zuruf, über Spracheingabe und -erfassung, kommuniziert werden. Aber: Wer sich eingehend mit dem Auf und Ab der Buchstaben und ihren Verbindungen beschäftigt, sich eine persönliche Handschrift zu eigen macht, kann später nicht nur schöne Geburtstagskarten verfassen. Auch Motorik und Gehirnleistung profitieren.

Schönschrift mit säuberlich verbundenen Buchstaben: So sehen leider immer weniger Schulhefte aus.

Handgeschriebene Gedanken sind brillanter

Kinder, die von Hand einen Aufsatz schreiben, sind nicht nur schneller als solche an der Tastatur, ihre Texte sind auch länger und ideenreicher. Das könnte daran liegen, dass während des Schreibens durch die fließenden, rhytmischen Finger- und Handbewegungen bestimmte Hirnareale aktiviert und trainiert werden. Zu dem Ergebnis kam eine Forschungsgruppe der University of Washington um die Professorin für Pädagogische Psychologie, Virginia Berninger.

Handgeschriebenes prägt sich besser ein

Stift und Papier trainieren aber nicht nur Sprach- und Denkvermögen, sondern auch die Gedächtnisleistung. Was von Hand geschrieben wird, merkt sich leichter. Ob Spickzettel oder eine Einkaufsliste – Gedankenstützen, die mit Stift und Papier erfasst werden, werden vom Gehirn gelernt und können später einfacher abgerufen werden (sodass die Merkhilfe dann oftmals gar nicht mehr gebraucht wird).

Handgeschrieben werden schwierige Buchstaben einfacher

Für Buchstabenneulinge ist die Unterscheidung spiegelverkehrter Buchstaben – also „d“ und „b“ oder „p“ und „q“ eine besondere Herausforderung. Werden diese Buchstaben nicht handschriftlich, sondern lediglich mit einer speziellen Tastatur trainiert, können sie später weniger gut von spiegelverkehrten Kopien unterschieden werden. Mit der Spiegelbildlichkeit haben auch Legastheniker oftmals ein Problem. Das Schreiben von Hand kann Legasthenie nicht verhindern, aber das ausschließliche Benutzen von Tastaturen zur Texterfassung könnte eine Lese- und Rechtschreibschwäche fördern.

Auf der Suche nach der optimalen Lernschrift

Wer zwischen 1953 und 1991 in den alten Bundesländern schreiben lernte, hatte die Lateinische Ausgangsschrift (LA) zum Vorbild. Diese wurde 1969 zur Vereinfachten Ausgangsschrift (VA) weiterentwickelt und ab 1972 in diversen Bundesländern erprobt und eingesetzt. In der DDR wurde die ab 1958 gelehrte Schulausgangsschrift (SAS) modifiziert – mit vereinfachten Großbuchstaben und einem gestrafften Bewegungsablauf in den Kleinbuchstaben. Da die größten Schwierigkeiten beim Schreibenlernen darin bestehen, die einzelnen Buchstaben miteinander zu verbinden, wurde im Auftrag des Grundschulverbands die Grundschrift (GS) entwickelt.

Einblick in die Schriftenvielfalt deutscher Grundschulen.

Schriftenwirrwarr verunsichert Schüler, Lehrer und Eltern

Welche Schrift Grundschulkinder nun zum Vorbild für die doch ganz wünschenswerte Entwicklung ihrer eigenen Handschrift haben, entscheidet der Wohnort: So werden beispielsweise in Baden-Württemberg je nach Schule entweder die Lateinische Ausgangsschrift oder ihre Vereinfachung gelehrt, in Berlin ist die Schulausgangsschrift Pflicht, in Nordrhein-Westfalen wird Schülern auschließlich die Druckschrift beigebracht, in der Hoffnung, dass Schüler daraus was eigenes machen. In Thüringen wird verbindlich die Druckschrift unterrichtet; es kann aber zusätzlich auch eine Ausgangsschrift gelehrt werden. In Bremen können die Schulen tun, was sie wollen, also eine der vier Schreibschriften unterrichten oder den Schülern eine Druckschrift lehren.

Alternative: Schreiben ohne zu denken?

Ob’s daran liegt, dass Bremen Jahr für Jahr weit hinten im Bildungsmonitor liegt, zuletzt auf Platz 12? Nicht unbedingt, auch wenn das Schul- bzw. Abitursniveau in den einzelnen Bundesländern nun mal weit auseinanderklafft. Derweil Berlin mit seiner Schulausgangschrift Schlusslicht ist, liegt Thüringen mit seiner Druckschrift hinter Sachsen auf Platz 2. Was uns diese Statistik in Bezug auf eine schöne, leserliche Schrift sagen soll? Wohl eher nichts. Da hilft nur noch ein Wilhelm Busch. Der hat nämlich einmal geschrieben: „Oft ist das Denken schwer, indes, das Schreiben geht auch ohne es.“