Wenn Physik zauberhaft wird

Wenn Physik zauberhaft wird

Eins wissen die Schüler der Walt-Disney-Grundschule in Berlin: Wenn die Damen und Herren mit den gelben Koffern kommen, ist Action angesagt. Mit dem Projekt „Zauberhafte Physik“ bringen ehrenamtliche Paten ihr Wissen dort hin, wo die Naturwissenschaft normalerweise noch keine Beachtung findet: in die Grundschule.

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Von roten Vulkanen, Knatterbooten und Teufeln in der Flasche

„Roter Vulkan“, „Knatterboot“ oder „Flaschenteufel“ heißen die Experimente, mit denen die Physikpaten den Unterricht auflockern und die Kinder auf beeindruckende Weise mit physikalischen Grundregeln vertraut machen. Die Paten besuchen die Klassen in Teams: ein Pate betreut jeweils eine kleine Gruppe von vier Kindern und einer moderiert die Experimente vor der Klasse – zum Beispiel den „Flaschenteufel“. Der funktioniert mit Wasser, Luft und Druck – und zeigt, was passiert wenn die drei zusammenwirken. Dazu benötigt man: eine mit Wasser gefüllte PET-Flasche und ein kleines leeres Aromafläschchen, beispielsweise von einer Parfümprobe. Das kleine, mit Luft gefüllte Gläschen wird mit der unverschlossenen Öffnung nach unten in die gefüllte Flasche gesteckt. Schraubt man jetzt den Deckel auf die PET-Flasche, wird das Fäschchen automatisch unter den Deckel gepresst. Anschließend dürfen die Schüler die PET-Flasche zusammendrücken und sehen: das kleine Glasfläschchen sinkt in der PET-Flasche nach unten – denn die Luft im Aromafläschchen wird komprimiert, es steigt Wasser hinein, das Fläschchen wird schwerer.

Auch beim roten Vulkan geht’s um Wasser – und was passiert, wenn man heißes mit kaltem reagieren lässt: Wenn man ein oben offenes Aromafläschchen gefüllt mit heißem, rot eingefärbtem Wasser in einen Krug mit farblosem Eiswasser versenkt, dauert es nicht lange und der rote Vulkan bricht aus – zum Erstaunen der kleinen Forscher. Mit Hitze funktioniert auch das Knatterboot: Man muss nur dem Wassertank im Boot ordentlich einheizen. Das passiert mit einer Kerze. Dann beginnt das Wasser zu verdampfen, sucht sich durch die Auspuffrohre seinen Weg nach draußen – und treibt mit dieser Kraft das Boot an. Simple Tricks, mit denen die Kinder spielend mehr über Themenbereiche wie Wasser, Luft, Kraft, Strom, Reibung, Akustik oder Magnetismus lernen. „Es ist schön zu sehen, dass sich später viele Kinder an die Experimente und die physikalischen Hintergründe erinnern können“, freut sich Physikpate Reinhard Pelekies.

Keine Förderung von Eliten, sondern Begeisterung für alle

„Wir wollen eine breite Begeisterung für Physik statt Elitenförderung“, erklärt Steffen Schröder. Der stellvertretende Geschäftsführer der Bürgerstiftung Berlin und Projektkoordinator der „Zauberhaften Physik“ sieht für das Programm einen breiten Bedarf – nicht nur in Berlin. Die sogenannten MINT-Fachbereiche (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) brauchen dringend Nachwuchs. Da ist es wichtig, die Kids schon früh für diese Fächer zu begeistern.

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Diesen Gedanken verfolgte auch Dipl.-Ing. Maren Heinzerling, als sie 2007 das Projekt aus der Taufe hob. Ihr war es ein Dorn im Auge, dass nur so wenige Mädchen einen technischen Beruf ergreifen. Das wollte sie ändern. Zuerst nur für Mädchen gedacht, entwickelte sich das Projekt schnell weiter und wurde für alle Kinder zugänglich. Mittlerweile organisieren sich 70 Physikpaten in acht Teams. Die pensionierten Professoren, Doktoren, Ingenieure und Techniker betreuen gemeinsam mit Physik-Studenten momentan 25 Schulen – und noch mehr Bildungseinrichtungen haben ihr Interesse angemeldet. Derzeit ist das Projekt ausgebucht.

Das sind oft sogar die Lehrer verwundert

Aber nicht nur wegen des Erfolges bereitet Reinhard Pelekies seine Tätigkeit als Pate Vergnügen: „Durch das Staunen der Kinder und das Lachen über das ein oder andere lustige Experiment macht uns die ehrenamtliche Arbeit doppelt Spaß.“ Und auch Steffen Schröder zieht eine positive Bilanz: Die praktischen Experimente ließen viele Kinder, die sonst eher verschlossen sind, richtig aufblühen. Das verwundere dann manchmal sogar die Lehrer. Allgemein sind es die kleinen Erfolge, die für Schröder das Projekt so besonders machen. Als ein Patenteam neulich in einem Flüchtlingsheim gastierte, seien viele Eltern zu den Versuchen gestoßen und hätten mit ihren Kleinen mitexperimentiert – viele der Geflüchteten waren in ihrer Heimat in technischen Berufen tätig. Das brachte richtig Abwechslung in den sonst eher tristen Alltag.

Warum die gelben Koffer?

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„Die Koffer sind zum Aushängeschild des Projekts „Zauberhafte Physik“ geworden“, erklärt Steffen Schröder. Anfangs verstauten die Paten ihre Experimente notgedrungen in billigen und unstabilen Koffern. Dann kam die Kooperation mit Scout zustande und seither werden die Experimente in hochwertigen gelben Scout HDL Trolleys transportiert. Die machen nicht nur optisch was her. Sie sind robust – um nicht zu sagen unkaputtbar – und schützen die Versuchsutensilien dadurch optimal. Aktuell verfügt das Programm über 26 Koffer mit 13 verschiedenen Experimentier-Themen – Tendenz steigend.

Wie so viele ehrenamtliche Projekte lebt die „Zauberhafte Physik“ von Spenden. Darum freuen sich die Verantwortlichen, die Paten und nicht zuletzt natürlich auch die Kinder über finanzielle Zuwendungen – damit noch viele Schüler vom „Flaschenteufel“ oder dem „Knatterboot“ profitieren können.