Wenn der blaue Brief an die Eltern adressiert ist

Wenn der blaue Brief an die Eltern adressiert ist

Sie sind dauerpräsent, überengagiert und wollen immer nur das Beste für ihr Kind. Für die Fürsorge ihrer Zöglinge landen sie regelmäßig als Begleitung in der Schule. Oder in der Uni.

Nein zum Eltern-Taxi!

Das Kind zur Schule laufen lassen? Kommt nicht in Frage, da könnte ja was passieren. Und es zur Schule radeln lassen? Genauso gefährlich! Helikopter-Eltern chauffieren ihr Kind am liebsten höchstpersönlich direkt vor die Schule. Die Konsequenzen: Zu viele Autos werden zur Gefahr für die Schüler, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen. Und nicht nur das: Riskante Wendemanöver oder das Ignorieren von Zebrastreifen und Stoppschildern macht Helikopter-Eltern zur eigentlichen Gefahr anderer Kinder. Osnabrück hatte für dieses Fehlverhalten keine Toleranz mehr übrig. Im Mai 2016 beschloss der Rat eine Bannmeile vor sämtlichen Schulen zu errichten. Ziel: ein Halteverbot direkt vor dem Schultor und eingerichtete „Kiss and Go“-Halteplätze, an denen Eltern ihre Sprösslinge absetzen sollen. Eine Maßnahme, von der auch die chauffierten Kinder profitieren: Ihre Eigenständigkeit leidet durch die ständigen Fahrdienste, ebenso das Verständnis für den Straßenverkehr.

Rektor schreibt Brandbrief an Helikopter-Eltern

Oh Schreck! Ein blauer Brief im Briefkasten hat im November 2014 viele Eltern empört. Aber: Was normalerweise an den Schüler adressiert ist, ging diesmal direkt an die Eltern. Ralf Hermann, Leiter der Schillerschule in Stuttgart, schrieb einen offenen Brief an die Grundschuleltern seiner Schule und kritisierte ihre überfürsorglichen Tendenzen, da diese den Schulbetrieb störten. Konkret: Die Eltern begleiten ihre Kinder bis zum Klassenzimmer, tragen ihnen den Schulranzen, ziehen ihnen Hausschuhe an und nutzen dabei noch die Gelegenheit bis nach Schulbeginn um 7.45 Uhr mit dem Lehrer zu plaudern. Selbst die Elternbeiratsvorsitzende Heike Schneider beschrieb die Situation als „ziemlich krass“.

Helikopter-Eltern an der Uni

Echte Helikopter-Eltern verschlägt es bis zur Uni ihrer ausgewachsenen Kinder. Einmischungen bei der Einschreibung ins richtige Studienfach, Kontaktaufnahme mit dem Dozenten wegen einer schlechten Abschlussnote oder Begleitung bei der Studienberatung – sie schrecken vor nichts zurück.

Studienberater berichten von absurden Anrufen und Besuchen von Eltern: So schrieb ein Papa dem Dozenten seines Sohnes einen Brief, weil dessen Abschlussarbeit mit der Note ausreichend bewertet wurde und hoffte damit, den Dozenten zu einer neuen Notenvergabe zu bewegen. In einem anderen Fall rief eine Mutter bei der Studienfachberatung an, um „mal nachzufragen, ob ihr Sohn auch gewissenhaft bei der Sache ist“ und ob er sich schon für alle Kurse angemeldet habe. Als die Beratung antwortet, dass sie aus datenschutzrechtlichen Gründen keine personenbezogenen Informationen geben könne, reagiert die Mutter verwirrt: Da sie als Elternteil das Ganze finanziert, werde man ja wohl Verständnis haben, wenn sie wissen möchte, ob alles wie geplant läuft.

Helikopter-Eltern international

Apropos Kontrolle von erwachsenen Kindern: In Amerika wurde die Überwachungs-App „Class120“ entwickelt, die Eltern in Echtzeit alarmiert, wenn das Studentenkind sich bei Unterrichtsbeginn nicht in der Nähe des Kursraums befindet. Für die App wurden 2.000 Uni-Gelände vermessen und die Hörsaals-Strukturen mit den Kursplänen kombiniert. Auch der Preis der App passt zum Anspruch der Helikopter-Eltern: 199 US-Dollar kostet das System samt GPS-Tracker.

„So was gibt’s nur in Amerika!“ – könnte man meinen. Doch auch unsere französischen Nachbarn haben etwas in die Wege geleitet, was Kontroll-Freaks erfreut: Mit der App „Absences“ konnten Eltern bereits seit 2012 checken, ob ihre Kinder auch fleißig am Unterricht teilnahmen. Hat das Kind geschwänzt, wurden sie darüber in Echtzeit informiert. Die erweiterte Version der App „Vie scolaire“ (zu Deutsch: schulisches Leben) startete 2015 als Pilotprojekt und sollte zudem weitere Missetaten der Schüler an die Erziehungsberechtigten weiterleiten: Dem Zuspätkommen oder Spickversuchen sollte so der Garaus gemacht werden.

Fazit: Wir wissen, dass Helikopter-Eltern es eigentlich nur gut meinen. Allerdings wäre ein wenig Vertrauen nicht verkehrt. Nur so kann sich das Kind selbstständig entfalten und lernen, Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen. Und ein locker-angenehmes Verhältnis zum Nachwuchs lässt Tracking-Apps auf einmal ganz alt aussehen. Oder?