Völlig von der Rolle

Völlig von der Rolle

Jungs sind Bildungsverlierer. Seit Jahren werden ihre Schulabschlüsse schlechter, sie fallen in der Ausbildung zurück, weniger machen Abitur – alles statistisch belegt. Weniger klar ist, welche Gründe es dafür gibt. Eine These lautet: Das Schulsystem vernachlässigt die Bedürfnisse der männlichen Schüler von Anfang an. Jungs müssen toben, Jungs müssen sich beweisen, Jungs müssen ihre männliche Rolle erlernen, doch stattdessen – so die Fürsprecher einer neuen Geschlechterpolitik – werden Jungs überwiegend von Lehrerinnen erzogen (2013 waren 90 % der Lehrer an Grundschulen weiblich) und bewusst oder unbewusst benachteiligt. Beim Fußballspielen zählen nur die Tore der Mädchen, Mädchen dürfen ihre Puppen im Unterricht vorzeigen, Jungs aber nicht ihre Holzschwerter. Das frustriert und schlägt sich auf das Lernen nieder: Lesen gilt als uncool, Fleiß und Konzentration ist Mädchenkram.

„Fairplay statt Zickenterror“ fordert daher der Buchautor Thomas Gersterkamp, und Männerrechtler Andreas Kraußer sieht Männer mittlerweile so sehr in der Defensive, dass in naher Zukunft Frauen auch die Rechte von Männern wahrnehmen müssen – die Männer selbst wären dazu bald nicht mehr fähig. Kraußer, Vorsitzende der Männerrechtsorganisation MANNdat, wünscht sich ein Umdenken in der Geschlechterpolitik, um nicht nur die Schulleistung von Jungs zu verbessern, sondern insgesamt die „gesetzlichen Benachteiligungen und öffentliche Diskriminierungen von Männern zu beseitigen“.

Reichlich Material für diese Argumentation liefert die Studie „Jungen und Männer im Spagat: Zwischen Rollenbildern und Alltagspraxis“ des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2013. Für die Autoren ist aber nicht das Schulsystem alleine verantwortlich. „Geschlecht ist eine soziale Konstruktion: Jungs werden männlich“, lautet ein Kapitel und führt aus, dass die Geschlechtermodelle in unserer Gesellschaft sich rasant verändern und Jungs, im Unterschied zu Mädchen, auf ihre männliche Rolle nicht genügend vorbereitet werden. Es fehlt den Jungs schlicht an zeitgemäßen Vorbildern. Der Emanzipationsbewegung der 60er bis 80er Jahre ist es zu verdanken, dass Mädchen und Frauen heute in ihrer Vielfalt erkannt, gefördert und akzeptiert werden. Statt das Rad zurückzudrehen, so die Autoren der Studie, gilt es, die Bedingungen für Jungs und Männer ebenfalls „geschlechtergerecht“ zu gestalten.

Versagen in der Schule hat offenbar viele Gründe. Egal ob Mädchen oder Junge – Kinder kommen aus Familien und bringen von da bereits gute oder weniger gute Voraussetzungen mit in die Schule. Aber sie erleben auch eine Gesellschaft, die ihnen Rollenverständnis vorlebt, sei es im Umfeld, in den Medien oder in der Werbung. Das Schulsystem spiegelt zwar das Wertesystem und die Erwartungen der Gesellschaft, ist aber eben nicht der einzige Faktor beim Erwachsenwerden. Eltern, Schüler und Gesellschaft sind zusammen entscheidend, was aus unseren Kindern wird – egal ob männlich oder weiblich.