Später Einschulen macht glücklich?
Muss schon der Schulranzen her, oder geht's noch ein Jahr länger mit dem Scouty in die KiTa? (Schulranzen: Scout Sunny im Motiv "Red Racer"; Scouty: Woody im Motiv "Ocean")

Später Einschulen macht glücklich?

In Sachsen-Anhalt geschieht es, in Thüringen, in Berlin und nun auch in Bayern: Für immer mehr Kinder verschiebt sich der Schulstart um ein Jahr nach hinten. In Baden-Württemberg wird ein entsprechendes Gesetz gerade auf den Weg gebracht und soll zum Schuljahr 2020/2021 in Kraft treten. Galt vor ein paar Jahren noch die möglichst frühe Einschulung als Muss für ein erfolgreiches Schulleben, so scheint sich dieser Ansatz ins Gegenteil zu verkehren. Je später, desto besser, denken immer mehr Eltern. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sie zumindest nicht alle falsch liegen.

Weil Kinder sich unterschiedlich entwickeln, gibt es je nach Bundesland sogenannte Stichtag- und Korridor-Regelungen, kombiniert mit freiwilligen oder verpflichtenden Einschulungstests. Im Ergebnis kann das eine Kind schon mit fünf Jahren, das andere muss spätestens mit sieben in die erste Klasse. Die große Mehrheit ist weiterhin sechs, wenn es losgeht. Grundsätzlich haben Eltern die Möglichkeit – in Absprache mit Schulen und Experten – Einfluss zu nehmen und zu entscheiden, was die vermeintlich richtige Startzeit ist. Dass diese seit ein paar Jahren auf Wunsch von Eltern nach hinten verschoben wird, hat zuletzt eine erfolgreiche Petition in Bayern gezeigt. Dadurch dürfen Eltern jetzt entscheiden, ob sie ihr Kind, das zwischen Juli und September sechs Jahre alt wird, in die Schule schicken oder nicht. Bislang durften das nur Schulleiter. Die Anmeldezahlen zeigen deutlich, die Zahl der Späteinschulungen ist bayernweit um durchschnittlich 9 Prozent gestiegen, in manchen Städten bis zu 30 Prozent.

Das Hauptargument dafür lautet: Lasst Kinder länger Kinder sein. Dieser Forderung basiert auf dem Wunsch nach mehr Familienleben und auf einigen Verallgemeinerungen: Reifere Kinder sind selbstbewusster und haben mehr Lernerfolge, sie sind körperlich fitter und stehen nicht immer unter dem Druck wie die jüngeren, die (angeblich) ständig beweisen müssen, dass sie mithalten können. Verschiedene Studien werden herangezogen, um diese Aussagen zu untermauern. Aber: Vieles davon ist schlicht aus dem Zusammenhang gerissen oder darf nur mit Vorsicht genossen werden, wie etwa die angebliche Erkenntnis aus den USA, wonach eine zu frühe Einschulung zu lebenslangen Problemen mit der Gesundheit führt. 1.500 Lebensläufe waren in einer Langzeitstudie überprüft, verglichen und ausgewertet worden. Die Studie war 1921 (!) begonnen worden und hatte so viele Daten geliefert, dass noch 80 Jahre später die Psychologen Howard Friedmann und Leslie Martin daraus ihre Schlüsse zogen und diese als Buch veröffentlichten. Unter dem Titel “Die Long-Life Formel” ist es 2012 auch auf Deutsch erschienen. Einige Inhalte lassen sich aber nicht einfach auf heutige deutsche Verhältnisse übertragen, da Kinder hier sehr verschieden zu den USA der 1920er Jahre aufwachsen.

Kritik an einer grundsätzlich späteren Einschulung kommt aber auch von Pädagogen und Politikern. Sie sagen, dass immer mehr Eltern das Kita-System schlicht ausnutzen. Denn dort werden Kinder, anders als in der Grundschule, täglich länger betreut und es gibt keine Anwesenheitspflicht – praktisch, wenn man außerhalb der Ferien verreisen will. Nur die Bequemlichkeit der Eltern sei der wahre Grund, nicht das Wohl des Kindes. Und ausbaden müssen das die Betreuer in den überfüllten Kitas.

Wie schwierig es ist, das richtige Alter einzugrenzen, zeigt der Vergleich zwischen Schweden und Finnland. Beide Länder schneiden bei Pisa-Studien regelmäßig gut ab. Aber in Finnland werden Kinder erst mit sieben Jahren eingeschult, in Schweden können sie bereits mit einem Jahr die Vorschule besuchen. Offenbar ist es wichtiger, wie Kinder lernen, als wann sie damit anfangen. Der Bildungsforscher Dirk Zorn zeigt deshalb einen anderen Weg auf. Ein fester Einschulungstermin (oder eine Spanne) könnte dann abgeschafft werden, wenn Schule individuelle Angebote bietet und nicht alle Kinder eines Jahrgangs nach Lehrplan über einen Kamm schert. Kinder sollten entsprechend ihrer Entwicklung unterrichtet werden, nicht nach ihrem biologischen Alter. Das wäre fairer als das bisherige System.