Sollten Schulnoten abgeschafft werden?
Was motiviert Schüler mehr?

Sollten Schulnoten abgeschafft werden?

Sie bremsen die Motivation, geben keinen detaillierten Stand über die Entwicklung der Schüler und werden im schlimmsten Fall – ohne hier jemandem etwas unterstellen zu wollen – sogar willkürlich verteilt. Schulnoten sind nicht nur wegen ihrer einschüchternden Wirkung immer wieder in der Kritik. So gab es Anfang 2017 einen Vorstoß zur Abschaffung des etablierten Notensystems. Über die Frage, wie es adäquat ersetzt werden soll, sind sich Kritiker jedoch nicht ganz einig. Fragt man Eltern, geben mehr als 60 Prozent der Befragten nach dieser aktuellen Studie von Statista an, dass sie ihre Kinder nur ab und zu für gute Schulnoten belohnen. Mehr als 20 Prozent tun dies laut der Umfrage immer, 14 Prozent hingegen lehnen Belohnungen für gute Schulnoten grundsätzlich ab.

Neue Ansätze zur Leistungsermittlung

Der neue Impuls zur Abschaffung kam Anfang letzten Jahres von Marlis Tepe. Die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sprach sich für individuelle Berichte aus, da diese den persönlichen Lernfortschritten der Kinder viel gerechter würden. Was auch wissenschaftlich bewiesen sei. Dabei würde Tepe die Abschaffung von Noten nicht nur in Grundschulen begrüßen, sondern sich eine Umstellung für alle Schultypen wünschen. Auch Matthias Schneider, Landesgeschäftsführer der GEW in Baden-Württemberg, sieht das etablierte System kritisch und Kinder und Jugendliche durch individualisierte Rückmeldungen gezielter gefördert. Bis eine Abschaffung von Schulnoten tatsächlich durchgeführt werden könnte, ist es aber noch ein langer Weg, attestiert Schneider.

Ein weiterer Vorschlag kommt aus Bayern: „Wir müssen umdenken in unserem Bildungssystem, dazu brauchen wir eine umfassende Bewertung von Menschen,“ erklärt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayrischen Lehrerverbands. Sie plädiert dafür, Noten in höheren Klassenstufen durch Lernentwicklungsgespräche zu ersetzen.

Verwässerung der Leistungsmessung

Wie dann allerdings verhindert werden soll, dass in individuellen Bewertungen standardisierte Floskeln landen, bleibt zunächst offen. Blumige Umschreibungen kennt man ja bereits von Arbeitszeugnissen zur Genüge. Und dass ein „Er hatte sich stets bemüht“ nicht als Lob zu verstehen ist, ist mittlerweile auch kein Geheimnis mehr. Und wo wir gerade in der Arbeitswelt sind: Auch Personaler dürften von solchen Bewertungen weniger angetan sein. Bei der Flut an Bewerbungen für einzelne Stellen ist es für sie unabdingbar, dass sie sich schnell einen Überblick über die Leistung der einzelnen Bewerber machen können.

Heinz-Peter Meidinger, Chef des deutschen Philologenverbandes, lehnt eine Abschaffung von Noten für alle Schultypen kategorisch ab. Noten seien spätestens ab der dritten Klasse wichtig, da sie eine Orientierung für den Übertritt in weiterführende Schulen darstellten. Hier bräuchte es eine klare Rückmeldung, wo ein Schüler leistungstechnisch stehe. Und auch die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann stärkt das etablierte Notensystem: „Schule muss leistungsorientiert sein. Deshalb gehören auch Noten zur Leistungsmessung dazu.“

Lernen mit Niederlagen umzugehen

Wer in seiner Schullaufbahn mal mit einer 5 (oder schlechter) nach Hause gekommen ist, weiß, wie demotivierend das sein kann. Und selbst wem diese Schmach erspart geblieben ist, kann es sich zumindest ansatzweise vorstellen, was in einem Schüler in dieser Situation vorgehen muss. Jedoch stellt sich auch die Frage, ob so eine Zensur nicht auch als Warnschuss verstanden werden kann. Denn auch ein wenig Angst kann motivieren – und bleibt es beim einmaligen Ausrutscher, liegt der pädagogische Nutzen auf der Hand. Im besten Fall gehen Schüler aus solchen Situationen sogar gestärkt hervor. Und immerhin sollten Kinder auch lernen, mit Niederlagen umzugehen, denn die gehören im Leben nun mal dazu. Und daran wird auch ein neues Notensystem nichts ändern können.