Sicherer zu Fuß in die Schule

Sicherer zu Fuß in die Schule

… trotz Helikopter-Eltern und Mami-Taxis

Da wir uns hier nicht in einem TV-Thriller befinden, kann ich gleich mal mit dem Happy End ins Einfamilienhaus fallen: Wie man sieht, habe ich – surprise, suprise! – die Grundschule überlebt. In den 70er Jahren. Ohne Mami-Taxi und Reflektoren. Zu Fuß. In einer Großstadt. 1,2 Kilometer mitten durch die Kölner City in 15 Minuten – meist sicherlich mehr, wobei die berüchtigte Nord-Süd-Fahrt mindestens zweimal am Tag überquert werden musste.

Wir reden hier von einer Zeit, und das ist kein Spaß, in der im Einschulungsjahr 1970 so viele Kinder im Straßenverkehr verunglückten wie fast nie: 70.332 waren es, davon 2.167 tödlich. Zum Vergleich: 2019 sind 28.005 Kinder unter 15 Jahren im Straßenverkehr verunglückt, davon 55 tödlich.

Es ist also keineswegs so, dass das Leben damals ungefährlicher war, was an verschiedenen Faktoren liegt. Man erinnere sich nur an die Vehikel, in denen man Anfang der 70er Jahre noch unangeschnallt (die Gurtpflicht wurde 1976 eingeführt) mit bis zu 1,3 Promille (erst ab Herbst 1973 galt die 0,8-Promille-Grenze) durch die Gegend brettern konnte. Das Bewusstsein für mehr Sicherheit im Straßenverkehr hat sich erst nach und nach entwickelt – auf beiden Seiten. Auch an Schulkinder wurde mehr gedacht mit Aktionen für ABC-Schützen und der Erfindung des Scout Schulranzens zum Beispiel. 1975 kam der erste Leicht- und Leuchtschulranzen auf den Markt, 1986 hat der Hersteller Sternjakob die Sicherheits-DIN 58124 mit auf den Weg gebracht, in der festgeschrieben steht, wie hoch die fluoreszierenden und retroreflektierenden Anteile in den Ranzenflächen sein müssen. Das Leben auf der Straße – auch dafür sprechen die Zahlen – ist also immer sicherer geworden.

Es gibt zwar noch keine Erhebungen, wie viele Kinder auf dem Schulweg im Helikopter verunglücken, aber die sogenannten Helikopter-Eltern, die ihre Kinder auf Schritt und Tritt überwachen und überbehüten, nehmen laut verschiedener Studien zu. Der Begriff wurde schon 1969 vom israelischen Psychologen Haim G. Ginott verwendet, aber so richtig virulent ist das Phänomen, das man auch Problem nennen darf, erst seit wenigen Jahren. Die Folgen für den Straßenverkehr sind somit noch nicht konkret erfasst, schon gar nicht die für das weitere Leben der Kinder, die zu Unselbstständigkeit und Überforderung erzogen werden und mutmaßlich noch ganz anders im weiteren Verlauf ihres Lebens verunglücken könnten – etwa im Beruf oder in der Ehe.

Wenn man sich allerdings die Zahlen der Verkehrsstatistik näher anschaut, kann man zu dem Schluss kommen, dass Mama-Taxis gefährlicher sind als der Schulweg zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Gestresste Mütter, die mit ihrem SUV durch 30er Zonen brausen, um ihre kleinen Lieblinge gerade noch rechtzeitig zur Schule – und danach zu Geigenunterricht, Tennisstunde oder Yoga-Workshop – zu bringen, sind kein Einzelfall und machen die Straße unsicher. Die meisten Unfälle mit Minderjährigen passieren zwischen 7 und 8 Uhr morgens. 37,2 Prozent der verunglückten Kinder unter 15 Jahren im Jahr 2019 kamen in einem Pkw zu Schaden, 34,4 Prozent auf dem Fahrrad und „nur“ jedes fünfte verunglückte Kind zu Fuß (21,6%). Stark vereinfacht könnte man sagen: Übertriebenes Sicherheitsdenken kann nicht nur verunsichern, sondern auch selbst zum Sicherheitsrisiko werden – womit nicht gesagt sein soll, dass früher alles besser war …

Alle Daten des Statistischen Bundesamts zu Kinderunfällen im Straßenverkehr gibt es hier.