Schulnoten: Wie viel kostet eine Eins?

Schulnoten: Wie viel kostet eine Eins?

Felix hasst Mathe. Das war nicht immer so. Seit er aber vor drei Jahren aufs Gymnasium gewechselt ist, wurden die Aufgaben immer abstrakter und er immer unsicherer. Er kommt mit dem Stoff nicht mehr zurecht. Sieht einfach keinen Sinn in dem, was da gerechnet werden soll.

Seine Angst vor dem Fach spiegelte sich schnell auch in seinen Noten wider. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem sein Vater etwas ausprobieren wollte: Ab sofort sollte es zehn Euro für jede Eins, fünf Euro für jede Zwei und drei Euro für jede Drei geben. Nach einem halben Jahr und ausbleibendem Erfolg verdoppelte sein Vater die Belohnung sogar noch. Geändert hat das nichts. Felix blieb in der achten Klasse wegen der Sechs in Mathe sitzen. Und seinem Vater blieb es lange ein Rätsel, warum sein Plan nicht aufgegangen war.

Soll man gute Noten nicht belohnen?

Noten sind in erster Linie Richtlinien, die den Wissensstand von Schülern widerspiegeln sollen – für Lehrer, Eltern und nicht zuletzt auch für die Kinder selbst. Sie zeigen ihnen, wo sie noch mehr lernen müssen – und Lehrern und Eltern, wo Nachhilfeunterricht sinnvoll wäre, um den Spaßfaktor zurückzubringen. Denn abgesehen von den Noten soll Lernen vor allem Freude bringen. Die Freude, etwas Neues kennenzulernen. Dann klappt es auch am besten. Und Kinder lernen gerne. Das sollte nicht unterschätzt werden – nur so entwickelt sich ein Säugling zum Kind und später zum Erwachsenen weiter. Wenn sich das schulische Lernen dann in guten Noten niederschlägt, ist das für die meisten Kinder schon Lohn genug. Kommt noch Lob und Anerkennung der Eltern hinzu, erfüllt es sie zusätzlich mit Stolz. Das ist auf lange Sicht mit Geld gar nicht aufzuwiegen, denn finanzielle Zuwendungen motivieren nur kurzfristig.

Gute Noten zu entlohnen, wirkt also nicht nur sehr schnell kontraproduktiv, sondern vermittelt auch ein fragwürdiges Wertesystem. Denn es suggeriert, dass nur gute Leistungen erbracht werden müssen, wenn diese auch honoriert werden. Die neuere Motivationsforschung spricht hier von extrinsischen Anreizen: Kinder motivieren sich nicht selbst, sondern durch die Aussicht auf eine Belohnung von außen – in diesem Fall die vereinbarte Summe für eine bestimmte Note. Der Wunsch mit dem Gelernten weiterzukommen oder aus Eigeninitiative nach mehr Wissen zu streben, wird so unnötig gebremst.

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Was tun bei schlechten Leistungen?

Besser ist es andersherum: wenn Schüler sich durch intrinsische Anreize ermuntern. Sprich Reize, die von innen kommen. Wenn sie sich aus eigenem Antrieb motivieren. Das kann eine neue Herausforderung sein oder einfach Spaß und Neugier an einem Themengebiet. Und stellt sich daraufhin der gewünschte Erfolg ein, brauchen sie nicht noch zusätzlich Geld, um weiterkommen zu wollen.

Ein Problem: Intrinsische Anreize schwinden schnell, wenn Glücksmomente ausbleiben oder sich gar Misserfolg einstellt. Das kennen wir wohl alle von uns selbst. Jeder Rückschlag schmälert die Motivation wieder aufzustehen. Und hier fängt das Belohnungsprinzip an, kontraproduktiv zu wirken. Das Gefühl, versagt zu haben, wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass es für schlechte Leistungen auch kein Geld gibt. Die Kinder werden doppelt bestraft. Verschärft wird diese Situation noch, wenn die Geschwister ohne große Anstrengungen gute Noten nach Hause bringen. Die bessern dann ihr Taschengeld auf, und leistungsschwächere Kinder gehen leer aus. Es ist also viel wichtiger, die Kinder bei schlechten Leistungen aufzumuntern als bei guten zu belohnen.

Sind Belohnungen generell falsch?

Nein! Belohnungen können gezielt eingesetzt sehr zuträglich für die Motivation sein – nur nicht in Form von Geld und nicht bei jeder Gelegenheit. Sachbezogene Geschenke zu besonderen Anlässen sind viel besser: Wenn ein Kind seine Probleme mit dem Lesen der Uhrzeit überwindet und dafür eine schöne Uhr geschenkt bekommt, ist das ein viel nachhaltigerer Effekt, weil die Uhr immer mit dem Erfolg in Verbindung gebracht wird. Und so gibt es viele Möglichkeiten, Kindern eine Freude zu machen, wenn sie in der Schule etwas Besonderes geschafft haben.

So wie bei Felix. Der ist in Mathe mittlerweile besser geworden. Zwar kein Einserkandidat, aber eine stabile Drei ist für ihn schon ein Grund zur Freude – und mit jedem Erfolg fällt ihm das Pauken auch leichter. Das sieht auch Felix’ Vater. Der hat viel mit ihm über das Thema Mathe geredet. Sie haben zusammen beschlossen, dass Felix Nachhilfestunden nimmt und sich besser auf den Unterricht vorbereitet und mitarbeitet. Das hat Wirkung gezeigt – und Felix’ Vater hat ihn deshalb zur letzten guten Note in Mathe mit einer tollen Geldbörse überrascht – im Design der amerikanischen Flagge, da Felix ein großer Fan der USA ist. Eine Reise wäre dann doch etwas zu viel des Guten gewesen. Aber wer weiß? Die gibt’s dann vielleicht zum bestandenen Abi?