Deutsche Schulen verschlafen Digitalisierung

Deutsche Schulen verschlafen Digitalisierung

Unsere Schulwelt wird zunehmend digitaler. Das haben viele Schulleiter und Lehrer erkannt. Umsetzen wollen und können es viele laut einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung aber nicht. Für die dritte Ausgabe des „Monitors Digitale Bildung“ wurden bundesweit Schüler, Lehrer, Schulleiter und Experten aus Politik und Verwaltung befragt. Das Ergebnis: Bei pädagogischen Konzepten und technischer Ausstattung gibt es noch einiges zu tun.

Die Marschrichtung ist klar – nur scheuen viele Lehrer Experimente

Rund 90 Prozent der Schulleiter erwarten, dass Digitalisierung in Zukunft ein fester Bestandteil der Lehrerausbildung werden wird. Auch eine Professionalisierung des IT-Supports und mehr pädagogische Unterstützung im Umgang mit neuen Lernmaterialien sehen sie auf dem Vormarsch. Der Status Quo in deutschen Klassenzimmern sieht allerdings anders aus: Nur 15 Prozent der Lehrer nutzen digitale Lernformen oft und vielseitig in ihrem Unterricht – immerhin 37 Prozent ab und zu. Dabei ist sich eine Mehrheit von 65 Prozent einig, dass digitale Medien die Arbeit mit leistungsstarken Schülern erleichtern würden. Bei leistungsschwächeren Schülern sind es immerhin 40 Prozent der Lehrkräfte, die einen ähnlichen Nutzen sehen.

Das passiert bisher

Wenn im Unterricht digitale Medien genutzt werden, kommen vor allem etablierte wie Power Point oder YouTube zum Einsatz. Seltener werden Lern-Apps, Lernspiele und Simulationen genutzt. Die Zurückhaltung beim Einsatz neuer Medien hat ihre Gründe: 74 Prozent der befragten Lehrer geben unzuverlässige Technik in ihren Schulen als den Hauptgrund an. 67 Prozent haben wegen zu hoher Kosten für Hard- und Software Bedenken. Einen professionellen IT-Support an Schulen vermissen 62 Prozent der Pädagogen. Was dazu führt, dass sich 58 Prozent in Lizenz- und Datenschutzfragen alleingelassen fühlen.

Dabei geben etwa 70 Prozent der Schulleiter und Lehrer an, dass digitale Medien laut ihrer Überzeugung die Attraktivität ihrer Schule steigern würde. An eine Verbesserung der Schülerleistungen durch den Einsatz von digitalen Medien glaubt dagegen nur jede vierte Lehrkraft.

Ein großes Problem ist vor allem die Qualität des WLANs an Schulen: Nur jeder dritte Lehrer gibt an, zufrieden zu sein. Jeder Fünfte bemängelt, dass es an seiner Schule gar kein drahtloses Internet gebe. Was schnelles Internet angeht, ist Deutschland nicht am Puls der Zeit. Der Breitbandausbau wurde von der Politik den Telekommunikationsbetreibern überlassen – und die investieren wenn, dann lieber in Ballungsgebiete. Mitunter ein Grund, warum sich Lehrer bei der Digitalisierung im Stich gelassen fühlen.

Das schlagen die Macher der Studie vor

Für Expertin Julia Behrens von der Bertelsmann Stiftung sind drei Punkte entscheidend für eine erfolgreiche Digitalisierung des Bildungssystems:

  • Fortbildungsangebote zum Einsatz digitaler Medien für Lehrer
  • Verbesserung der technischen Ausstattung an Schulen mit leistungsstarkem WLAN und IT-Support
  • Gutes digitales Lernmaterial

Gerade beim letzten Punkt prangert Behrens „viel Wildwuchs“ im Angebot an. Für Lehrer wäre es schwer, sich hier zurecht zu finden.

Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung, sieht Haltung und Kompetenzen der Pädagogen als entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung der Digitalisierung an Schulen. „Der sinnvolle Einsatz digitaler Medien muss selbstverständlich in der Weiterbildung und Pflichtprogramm in jedem Lehramtsstudium werden. Digitalisierung darf für Lehrkräfte nicht als zusätzliche Belastung erscheinen, sondern sollte Teil der Lösung für ihre pädagogischen Herausforderungen sein“, so Dräger. Der digitale Wandel müsse als unverzichtbarer Teil jedes Schulentwicklungsprozesses verstanden werden.

Worte, die Schulleiter und Lehrer verinnerlichen müssen, damit der technische Fortschritt sinnvoll in den Schulalltag integriert werden kann. Dazu braucht es sinnvolle Konzepte, regelmäßige Fortbildungen und einen flächendeckenden Ausbau der Infrastruktur. Denn die fortschreitende Digitalisierung wird man durch die derzeitige Verweigerungshaltung vieler Lehrkräfte nicht aufhalten können.