Schule stresst Eltern

Schule stresst Eltern

Soviel Zeit und Geld investieren Eltern in den Schulbetrieb

„Bildung darf nicht vom Portemonnaie und dem Bildungsstand der Eltern abhängig sein“, erklärte die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein am 14. Oktober 2016. Am selben Tag hatte sie eine Studie zu Bildungskosten im nördlichsten Bundesland vorgestellt – pro Kind und Schuljahr zahlen Eltern demnach im Durchschnitt 1.000 Euro. Den größten Anteil machen dabei jedoch nicht Bücher, Hefte und Stifte aus, sondern Unternehmungen (280.- Euro) und Versorgung wie Schulessen, Fahrkarten und Nachmittagsbetreuung (530.- Euro). Für Grundschüler liegen die Kosten niedriger, bei Schülern der 12. Klasse allerdings sind es sogar satte 1.400.- Euro.

Aus anderen Bundesländer liegen keine aktuellen Zahlen vor, Experten schätzen die Situation dort aber vergleichbar hoch ein. Keine so genauen Zahlen gibt es zu einem anderen Stressfaktor im deutschen Bildungssystem: dem Zeitaufwand für Eltern. Und gerade hier wächst der Unmut, zu erleben in Internetforen und auf Elternabenden. Weil die Personaldecke im Bildungsbetrieb notorisch dünn ist, werden Eltern und sogar Großeltern, Freunde und Verwandte „eingeladen“, mehr Verantwortung zu übernehmen, sei es beim Küchendienst, der Essensausgabe, der Organisation von Schulfesten, Veranstaltungen und Ausflügen. Zusätzlich werden Telefonketten organisiert, um den Aufwand im Sekretariat zu verringern, oder Sachspenden wie Kuchen und Salate erbeten. Obendrauf kommen Schulpflegschaften, Mitgliedschaft im Elternbeirat oder Förderverein. Bei zwei Kindern an unterschiedlichen Schulen steht damit mindestens zweimal im Monat irgendeine Aktion an, vor Zeugnissen oder längeren Ferien können die Termine schnell auch kollidieren.

Während bei Kindern der Stress in der Freizeit schon lange diskutiert wird, gilt das Engagement von Eltern als selbstverständliche Pflichtaufgabe. Doch viele Eltern können oder wollen nicht Hilfstruppe des Schulsystems sein. Laut dem Marktforschungsinstitut Emnid (2012) fühlen sich 90 Prozent der Eltern als unfreiwillige Hilfslehrer. Besonders für Berufstätige steigt die Belastung. Die moderne Arbeitswelt fordert lebenslanges Lernen, Flexibilität bei anfallender Mehrarbeit und immer wieder vollständige Neuorientierung. Wer familiär und beruflich nicht fest im Sattel sitzt, muss deshalb ständig nach Balance suchen. Wieder mehr Verantwortung für die Schule, fordert der ehemalige Präsident des Bayerischen Lehrerverbandes Klaus Wenzel: „Ich bin sehr dafür, dass Kinder von Geburt an von ihren Eltern auf vielfältige Weise gefördert werden. Eltern sollten aber nicht als „Ersatzlehrer“ das übernehmen müssen, wofür eigentlich die Schule zuständig ist. Dass die heute kaum in der Lage ist, Kinder individuell und richtig zu fördern, liegt vor allem daran, dass unser Schulsystem total unterfinanziert ist.“

Warum Eltern dagegen nicht auf die Barrikaden gehen, hat einen einfachen Grund, so Klaus Wenzel. Bei aller Sorge um das Wohl des Kindes übersähen sie, welche Macht sie hätten, wenn sie sich organisieren würden, um sich gemeinsam für bessere Rahmenbedingungen einzusetzen. Solange Eltern also weiterhin als Hilfskräfte der Schule einspringen, wird ihr Aufwand an Zeit und Geld eher weiter steigen.