Schöne neue Lernwelt?

Schöne neue Lernwelt?

„iPad-Klassen“ – der Unterricht der Zukunft?

Evas Schulrucksack ist merklich leichter geworden, seit sie keine schweren Bücher mehr drin hat – neben Sportsachen findet sich darin nur noch ein Tablet. Taschenrechner, Diktiergerät, Fotoapparat, Skizzenblock und Videokamera: alles in einem. Für Eva bringt das viele Vorteile, auch wenn sie die Hausaufgaben somit nie mehr zu Hause „vergessen“ kann. Was in Evas „iPad-Klasse“ abgeht, bahnt sich langsam aber sicher seinen Weg in deutsche Schulen. Aber bietet das Lernen mit Tablets auch wirklich einen Mehrwert für die Schüler? Was spricht für und was gegen den Unterricht der Zukunft? 

Schüler lernen selbstbestimmt und hoch motiviert

Schulkinder sind ihren Lehrern in IT-Fragen oft meilenweit voraus. Für sie gehören Tablets bereits zum Alltag – und dieser Alltag soll nun auch Einzug in immer mehr Klassenzimmer halten. Mit der Hilfe von Tablets können sie selbstbestimmter und mit besserer Orientierung lernen, außerdem bestätigen viele Lehrkräfte, dass sich die Lernbereitschaft der Schüler durch diese Technik bedeutend steigert.

Der ehemals vorherrschende Frontalunterricht ist Geschichte und wird durch interaktive Lerninseln ersetzt. Die Schüler organisieren sich in Lerngruppen und stellen sich gemeinsam den Aufgaben. Sachverhalte, die man nicht sofort versteht, werden einfach bei Google nachgeschaut. Ergebnisse werden kurzerhand an die Wand projiziert. Und auch sonst hat der digitale Unterricht viele Vorzüge: Sprachunterricht wird durch Podcasts von Muttersprachlern begleitet, für Mathe-Aufgaben gibt es die Hilfe von Lernvideos, und selbst der Sportunterricht wird durch Bewegungsanalysen optimiert. Musik, Biologie, Kunst: Alle Fächer werden durch eine oder mehrere Apps geleitet und gestaltet. Lange Abschriebe von der Tafel gehören der Vergangenheit an: Heute wird von der Tafel abfotografiert.

Lehrer spielen in diesem Unterricht mehr unterstützend eine Rolle: Sie helfen bei Fragen, ermahnen untätige Schüler und ermuntern andere, sich auch mal schwereren Aufgaben zu stellen. Nach dem Unterricht hört die Interaktion nicht auf, denn viele Lehrer bleiben für die Kinder und Jugendlichen erreichbar. Hausaufgaben werden dem Lehrer online übermittelt.

Während der Pausen sind die Tablets tabu, genauso wie Spielchen darauf während des Unterrichts. Den Zugang zu Facebook und Co. verhindern viele Schulen mit Firewalls, und wenn doch mal einer mit seinem Tablet ein Spiel zockt – haben die meisten Eltern während ihrer Schulzeit unter der Bank nicht ab und an Zettelchen ausgetauscht oder Schiffe versenken gespielt? Das Schummeln bei Klassenarbeiten wird übrigens auch nicht einfacher: Für Klausuren müssen die Schüler zurück zu Papier und Stift – ganz Oldschool.

Vielen Schülern fehlt die Resonanz und das Durchhaltevermögen

Ein großes Manko des digitalen Unterrichts ist allerdings die fehlende persönliche Resonanz und Vorbildfunktion des Lehrers, der den Schülern individuell in ihrem Lernprozess Hilfestellungen gibt. Auch mangelt es vielen schlicht an Durchhaltevermögen, sich mal an kniffligeren Aufgaben zu versuchen. Sie halten sich an die einfacheren und daher besser lösbaren Aufgaben. Da fällt die Leistungskurve bei der nächsten Klassenarbeit schnell mal in den Keller, denn das Lernen in Eigenregie liegt nicht jedem.

Die pädagogische Zurückhaltung kann gerade bei jüngeren oder pubertierenden Schülern schnell nach hinten losgehen. Das geht auf Kosten von lernschwächeren Schülern. Allgemein ist auch der Fortschritt des Einzelnen im Klassenverband schwerer zu ermitteln, wenn der Lehrer nur noch als Berater und Begleiter fungiert. Auch muss der Wissensstand der Schüler öfter ermittelt werden als beim herkömmlichen Unterricht – das bedeutet häufigere Tests und Klassenarbeiten.

Lehrer müssen sich der neuen Herausforderung stellen und die Wissenslücken gegenüber den Schülern füllen – das braucht Zeit. Und ob der Unterricht mittels App wirklich bessere und nachhaltigere Lernerfolge bringt, konnte bisher noch von keiner Studie eindeutig bewiesen werden. In Deutschland sind sogenannte „iPad-Klassen“ meist noch Pilotprojekte – bundesweit in nur rund 160 Schulen.

Das liegt vor allem an der Infrastruktur: Die Anschaffung eines Tablets pro Schüler liegt zwischen 400 Euro und 600 Euro. Summen, die weder Schule noch Elternhäuser immer sofort aufbringen können – und selbst mittels Leih-Tablets könnte nicht der komplette Bedarf gedeckt werden. Zusätzlich spielen für deutsche Verlage digitale Erlöse bisher kaum eine maßgebliche Rolle – sprich: Das große Interesse der Verlage fehlt. Auch wenn viele Schüler wie Eva es sich sicher anders wünschen würden und der Fortschritt sich nicht aufhalten lässt: Für die nächsten Jahre werden Lehrer, Schulbücher und Tafeln schlicht unersetzlich bleiben.