Reifeprüfung nicht bestanden

Reifeprüfung nicht bestanden

Alle Jahre wieder kann man sich nur wundern, was rund um den vorläufig schönsten Tag im Leben – nach dem Abitur können dies ja auch noch die Hochzeit und die Scheidung werden – veranstaltet wird. Los geht’s traditionell mit wilden Abifeiern auf der Wiese. In Karlsruhe zum Beispiel hatten sich jüngst 1000 feierwütige Abiturienten nach der Matheprüfung im Schlossgarten getroffen – mit so viel Alkohol im Spiel, dass der Rettungsdienst nicht nachkam und die Polizei das Gelände räumen musste. Im Vorjahr hatten um diese Zeit in Heidelberg 250 Schüler nicht nur wie alljährlich üblich ihre Spuren auf der Neckarwiese hinterlassen, sondern danach noch die Altstadt verwüstet. Dabei wurde ein 19-Jähriger krankenhausreif geschlagen. Die Polizei kommentierte auf Facebook, sie hätte „nachts besseres zu tun gehabt, als sich um euch und eure ,Späße’ zu kümmern“ und kommt zu der nüchternen Einschätzung: „Von Reife keine Spur.“

Nach dem Abi sollte man nicht nur die Hochschulreife in der Tasche wie hier von Leonhard Heyden haben, sondern auch Kopfwehtabletten und viel stilles Wasser.

„Die Reifeprüfung“ gibt es nur im Film

Tatsächlich: „Die Reifeprüfung“ ist ja nicht nur der Titel eines Filmklassikers mit Dustin Hoffman, sondern auch ein etwas altertümliches Synonym für das Abitur. Aber wie’s scheint, haben viele Schüler eben genau diese Prüfung nicht bestanden. Nach den wilden Feiereien auf der grünen Wiese, in der Altstadt oder einer Diskothek – in einem Pirmasenser Club musste eine Feier nach mehreren Schlägereien von der Polizei beendet werden – kommt es traditionell zur Phase der Abischerze.

Von Abischerzen bis zum Abikrieg

Wir hätten ja nie geglaubt, das einmal sagen zu müssen, aber: Früher war vielleicht nicht alles besser, aber vieles nicht so schlimm. Aus den mehr oder minder originellen Abischerzen von einst sind inzwischen sogenannte „Mottowochen“ geworden, eine Mischung aus Karneval und Halloween, in der die Noch-Schüler ihr Unwesen treiben. Ob sie jetzt permanent den Unterricht sabotieren, grölend mit den Karossen der Mamas und Papas durch die Fußgängerzonen pflügen oder sich wie einst in Köln einen regelrechten „Abikrieg“ mit „verfeindeten“ Schulen liefern – da kam es schon zu schweren Körperverletzungen, zwanzig Strafanzeigen und einem Sachschaden von 50.000 Euro – so richtig lustig ist das alles nicht. Auch nicht, wenn Abiturienten in Tarnkleidung und mit Spielzeugwaffen die Schule stürmen und somit einen Amokalarm auslösen, wie schon mehrfach geschehen.

In der Summe all dieser Aktionen ist klar: Je mehr Randale, desto besser die Klickrate im Netz. Die Volkskundlerin Katrin Bauer hat für ihre Magisterarbeit über Abischerze im Wandel der Zeit festgestellt: Es sind keine harmlosen Streiche mehr, sondern professionelle Shows, mit der möglichst viel Öffentlichkeit erreicht werden soll.

Höhepunkt der neuen Spießigkeit: der Abiball

Womit wir bei der dritten und abschließenden Phase der Abipubertät wären: dem Abiball. Was früher die Abschlussfeier in der Aula war, muss heute der große Gala-Abend im Luxushotel sein. Mindestens. Und auf einmal werden aus den krawalligen Saufbrüdern und -schwestern angepasste Superspießbürger, die einen auf große, heile Welt machen. Mit Anzug und Krawatte hier, mit Ballkleid und Ballerinas da. 400 Euro für die Abendgarderobe dürfen schon mal für diesen einmaligen Anlass rausgeballert werden – und für die sonstigen Investitionen in den Abend noch mal so viel. 20.000, 30.000, 40.000 kann so ein Abiball im Luxushotel mit Catering, DJ, Fotografen und Aftershow-Party kosten – und 50 Euro eine Karte für den Eintritt. Manche Familien müssen lange darauf sparen oder auf Urlaub verzichten, um dabei sein zu können.

41.126 Euro für den Abschluss – leider verloren

Es gibt sogar Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, mit dieser Art Events Geld zu verdienen – und mindestens eine hatte sich darauf spezialisiert, die Schüler abzuzocken. Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber trotzdem eine schöne Geschichte: 180 Abiturienten des Melanchthon-Gymnasiums in Berlin-Hellersdorf hatten für ihren Abiball 41.126 Euro gesammelt und an die Agentur „Easy Abi“ gezahlt. Die sollte eine dufte Sause im Maritim am Potsdamer Platz ausrichten, hat es dann aber doch vorgezogen, sich mit diesem und anderem Geld blauäugiger Schüler aus dem Staub zu machen. RadioBerlin 88,8 fand das so traurig, dass der Sender zu Spenden aufrief. Also nicht für Flüchtlinge, krebskranke Kinder oder Ärzte ohne Grenzen, sondern: „Helfen Sie den Abiturienten aus Hellersdorf, ihren Abiball zu feiern.“

Wir meinen: Helfen Sie allen Schülern, dass sie zur Reifeprüfung wirklich reif genug sind, auch ohne besinnungslose Besäufnisse, hemmungslose Scherze und aufgeblasene Bälle etwas mitzunehmen auf ihrem weiteren Weg. Ansonsten empfehlen wir, die Schule einfach noch einmal komplett zu wiederholen.