Nachhilfe-Studie: Alles für die Katz?

Nachhilfe-Studie: Alles für die Katz?

1,2 Millionen Schüler in Deutschland bekommen Nachhilfe, vor allem in Mathematik, Fremdsprachen und Deutsch. Bei den Grundschülern sind es knapp 5 %, die Förderung neben dem Unterricht nutzen; in den weiterführenden Schulen gut 18 %. Pro Nachhilfeschüler geben Eltern im Monat im Schnitt 87 Euro aus ­–­ soweit die Zahlen der neuen Bertelsmann Studie „Nachhilfeunterricht in Deutschland“.
Die scheinbar hohe Gesamtzahl an Nachhilfeschülern und Kosten von insgesamt jährlich fast 900 Millionen Euro sind für Kritiker des Schulsystems ein gefundenes Fressen. Ihre Argumentation ist einfach: Wenn so viele Schüler Nachhilfe nehmen, stimmt mit der Schule etwas nicht. Und daher muss sich am schulischen Lernen etwas ändern oder noch mehr Nachhilfe her. Aber ist es so einfach?

Mehr Geld für mehr Förderung

Erste Hinweise, daß es komplizierter ist, gibt die Studie selbst: Etwa ein Drittel der Nachhilfeschüler an Gymnasien steht im entsprechenden Fach zwischen „sehr gut“ und „befriedigend“ ­– die Nachhilfe soll wohl gute Schüler nur noch besser machen. Dahinter steckt oftmals der überzogene Ehrgeiz der Eltern. Die verbleibenden zwei Drittel brauchen offenbar tatsächlich Hilfe. Aber warum?

Für die Autoren der Studie ist das klar: „Sie ist nötig, weil viele Schulen sich noch nicht ausreichend auf die Vielfalt in ihren Klassenzimmern eingestellt haben.“ Und daher fordern sie den Ausbau der Ganztagsschulen mit festen Betreuungszeiten, kostenlosen Nachhilfeangeboten und mehr Unterstützung für Lehrer. Klingt doch logisch? Ist es aber nicht, kritisiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus. Die Studie habe methodische Fehler, denn sie unterscheide beispielsweise nicht zwischen akuter Nachhilfe und langfristigem Bedarf.

Wem Nachhilfe wirklich hilft

Für Josef Kraus ist der tatsächliche Bedarf an Nachhilfe in Deutschland deshalb viel geringer. Er unterteilt die Gesamtzahl der Nachhilfeschüler in drei Gruppen: die mit überehrgeizigen Eltern, solche, die Unterrichtsstoff aufholen müssen (etwa nach Krankheit oder Schulwechsel), und denen, die dem Stoff schlicht nicht gewachsen sind. Nur bei der zweiten Gruppe macht Nachhilfe Sinn, sagt Josef Kraus. Bei den beiden anderen Gruppen ist das Geld in der Regel „in den Wind geschossen“ – egal bei welcher Schulform, denn Nachhilfe in diesen Fällen, so Kraus, funktioniert nicht. Ein Punkt, den die Bertelsmann Studie sogar betont. In der Zusammenfassung der Studie heißt es: „Die Teilnahme an Nachhilfeangeboten steht in keinem eindeutigen Zusammenhang mit der Verbesserung schulischer Leistungen in Form von Noten.“ Aber wozu dann das Ganze?

Politik durch die Hintertür

„Bertelsmann drückt auf die Alarmismus-Tube“, sagt Kraus. Die Studie kommt zwar von der Bertelsmann Stiftung, spiegelt aber die Firmenpolitik von Europas größtem Medienunternehmen. Nach seiner Meinung nimmt die Bertelsmann Stiftung schon seit Jahren mit vielen Studien und Maßnahmen Einfluss auf die Bildungspolitik.

Das bedeutet: Wird eine neue Studie veröffentlicht, transportiert es die Medienmaschine aus Gütersloh in jedes Haus. Und das Medien-Unternehmen verdient mit – entweder am Nachhilfeunterricht oder an Änderungen im Schulsystem. Bücher, Materialien und Online-Angebote braucht man für beides.

Über die Qualität des Schulsystems oder Sinn und Zweck von Nachhilfe sagt die Studie wenig aus. Alleine eine Tabelle belegt, dass im OECD-Ländervergleich Schüler in Deutschland deutlich weniger Nachhilfe als Schüler in anderen Ländern bekommen. Die mediale Aufregung um die Studie ist deshalb im Kern wohl eher für die Katz.