„Mein Kind muss aufs Gymnasium!“

„Mein Kind muss aufs Gymnasium!“

Der Studienrat rät: Schulempfehlung ernst nehmen

Jedes Jahr im Frühling stehen die Eltern der Viertklässler vor der schwierigen Entscheidung, die geeignete weiterführende Schule für ihr Kind zu wählen. Waren es vor 30 Jahren knapp 20 % der Grundschüler, die auf ein Gymnasium wechselten, sind es heute annähernd 50 %, die diesen Schultyp gewählt haben. Die Gründe für diese Entscheidung seitens der Eltern sind auf den ersten Blick verständlich. Neben der Vermittlung der Studierfähigkeit wähnt man doch auf dem Gymnasium eine Schülerschaft vorzufinden, die sich aus dem Bildungsbürgertum rekrutiert und fernab von Gewalt, Drogenproblematik und einer Verrohung der Sitten und der Sprache angesiedelt ist. Wer allerdings einmal die große Pause in einem gymnasialen Klassenzimmer erlebt hat, wird hinsichtlich des letztgenannten Punktes eines Besseren belehrt. Da entsteht der Eindruck, man befände sich doch eher in einem sozialen Brennpunkt und nicht auf einer höheren Lehranstalt …

Mit dem achtjährigen Gymnasium kamen weitere Erschwernisse hinzu. Die Einführung der zweiten Fremdsprache in der sechsten Klasse und die Anforderungen hinsichtlich der Abstraktionsleistungen im Fach Mathematik führen bei nicht wenigen Schülern zu Überforderung, Frustration und Schulmüdigkeit. Eine Folge davon ist, dass nahezu 18 % der Gymnasiasten den Wechsel in die Oberstufe (heute „Jahrgangsstufe“) nicht vollziehen. Schulabbrüche haben demzufolge in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen.

Vor diesem Hintergrund ist den Eltern, die vor der Entscheidung über die weiterführende Schule ihres Kindes stehen, geraten, die Schulempfehlung der Grundschullehrer – die heute nur noch mündlich formuliert wird und keinen verpflichtenden Charakter hat * – sehr ernst zu nehmen. Gerade die Grundschule hat den Wechsel von einem lehrerzentrierten und generalisierten Unterricht hin zu einem schülerzentrierten und binnendifferenzierten Unterrichten am effektivsten und nachhaltigsten vollzogen. Deren Lehrer wissen am ehesten die Lernerfolgsaussichten der Kinder für die kommenden zwei bis drei Jahre einzuschätzen. Ihrem Urteil sollten die Eltern wesentlich mehr Gewicht beimessen, wenn man Frustration und Lernverweigerung des Kindes vermeiden will.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass circa 50 % der Studenten an Universitäten und Fachhochschulen ihre Studienzulassung an einem Fachgymnasium oder durch die Fachhochschulreife erworben haben, die anderen 50 % entfallen auf das klassische Gymnasium. Es muss also nicht sofort und unbedingt das Gymnasium sein – gerade wenn man feststellt, dass das Kind sich in der Grundschule in den Kernfächern nicht leicht tut. Es gibt weltweit wenige Länder, deren Schulsystem so flexibel und durchlässig ist wie das deutsche. Ein Emporklimmen der Bildungsleiter vom Hauptschulabschluss bis zum Master of Business Administration (MBA) ist – selbst in Europa – in wenigen anderen Ländern möglich. Abgesehen davon: Ist ein Studium wirklich unabdingbar? Handwerk und Industrie suchen händeringend nach qualifizierten Facharbeitern, nicht nur hier in Deutschland. Auch im Ausland werden Absolventen unserer dualen Ausbildung mit lukrativen Arbeitsverträgen umworben.

Eine Schullaufbahn, die begleitet wird von Erfolg und Anerkennung, schafft in jedem Falle eine bessere Voraussetzung für ein erfülltes Berufsleben als eine Schulkarriere, die den jungen Menschen mit Misserfolgen, Unlust und Frustration als Lebens- und Lernerfahrung konfrontiert. Unsere Schullandschaft bietet jedem Lerntyp einen Weg, der zu ihm passt, und es gibt ein reichliches Beratungsangebot, wenn es darum geht, den richtigen Weg für sein Kind zu finden.

* Das gilt unter anderem für Baden-Württemberg. In einigen Bundesländern wird die Empfehlung schriftlich erteilt, ist aber ebenfalls unverbindlich. In Bayern und Thüringen ist die Schulempfehlung verbindlich. Eine Übersicht über die Regelungen in den einzelnen Bundesländern hat die Kultusministerkonferenz hier zusammengestellt.