Lesen und Schreiben? Das geht doch mit App!

Lesen und Schreiben? Das geht doch mit App!

Ich zeige meiner Frau einen handgeschriebenen Brief – drei Seiten, kleine Schrift – mit der Bitte, ihn gegenzulesen. Mit am Tisch sitzt der Elfjährige und runzelt dramatisch die Stirn: „Was ist das?“ Ein Brief, antworte ich. „Und warum ist das so viel?“ Ich antworte, dass ich einem Kunden ein paar Dinge in allen Einzelheiten erklären muss. „Und wer hat das alles geschrieben?“, will er wissen. Und noch bevor mir die Kinnlade runterklappt, fügt er hinzu: „Dafür gibt es doch eine App!“ Die Details des folgenden Gesprächs über Schreib- und Lesekompetenz, handschriftliches Notieren und deren Bedeutung für das weitere Leben wiederhole ich hier nicht, denn alles Reden ging ins Leere. Clevere Teenager schreiben nicht mehr von Hand, sie diktieren in ihr Handy und nach Rechtsschreib- und Grammatikprüfung ist der Drucker dran.

Im Interview mit der Augsburger Zeitung spricht der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer von einer dramatischen Entwicklung. Er stellt fest, dass Schüler und Studierende Texte nicht mehr verstehen. Seine Erkenntnis und die Erklärung sind wissenschaftlich belegt und einfach: Digitales Lesen funktioniert anders als das auf Papier. Ob Smartphone, Tablet oder PC – wer digital liest, liest schneller und geht weniger in die Tiefe. Das Gelesene wird weniger verstanden und prägt sich weniger ein, längere Gedankengänge können nicht nachvollzogen werden.

Professor Zierer warnt davor, Kinder nicht zu früh mit Smartphone und Co. alleine zu lassen. Lesen und Schreiben haben auch körperliche Aspekte. Ein Buch kann man anfassen und weiß, wo man im Verlauf ist und wie lang eine Geschichte noch dauern wird. Beim Schreiben formt die Hand Buchstaben zu Bedeutungen, das Gedachte ist überlegter und vollständiger.

Um der Flut digitaler Geräte und Inhalte im Kinderzimmer schon früh etwas entgegen zu setzen, empfiehlt das Institut für Bildungswesen Baden-Württemberg (IBBW), Vorschulkinder Texte diktieren zu lassen. Das Kind sitzt neben dem Erwachsenen und versucht, eine Geschichte zu erzählen. Der Erwachsene wiederholt, korrigiert gegebenenfalls und spricht die Worte des Kindes beim Schreiben mit. Das Kind erfährt so, dass Denken, Sprechen und Aufschreiben für das spätere Lesen eine Einheit bilden.

Lesen und Schreiben sind Voraussetzungen, um eine komplizierte Welt zu verstehen und sich in ihr behaupten zu können. Stundenlanger Konsum von Videoclips dagegen schadet dem Denken, den Augen und dem Körper, fasst Zierer zusammen.

Dem Elfjährigen haben wir den Artikel zum lauten Vorlesen gegeben. Danach war er zwar etwas erschöpft, aber an der frischen Luft durfte er sich dann erholen. Ohne Handy.