Kleiderordnung an Schulen – zwischen Jogginghosen-Verbot und Uniform
Müssen in einer Realschule in Rottenburg vorerst draußen bleiben: Jogginghosen.

Kleiderordnung an Schulen – zwischen Jogginghosen-Verbot und Uniform

Hot Pants, Achselshirts und andere freizügige Kleidungsstücke sind keine gern gesehenen Gäste auf deutschen Schulhöfen. Zumindest wenn es nach den Schulleitungen geht. Im baden-württembergischen Rottenburg wurde die Liste der nicht willkommenen Anziehsachen unlängst um ein weiteres Textil erweitert: der Jogginghose.

„Wir kleiden uns in der Schule angemessen. Unsere schulische Kleidung unterscheidet sich von unserer Freizeitkleidung,“ steht jetzt in der neuen Schulordnung der betroffenen Realschule. Unter Mitarbeit von Elternvertretern wurde diese formuliert und von der Lehrerkonferenz verabschiedet. Dem Direktor Hartmut Schänzlin hätten nach eigener Aussagen zuvor sogar einige Schüler mitgeteilt, dass sie gar keine anderen Hosen besäßen. Aber auch das konnte das Verbot nicht verhindern, das außerdem Kaugummis, Knabberwaren wie Chips und stark koffein- oder zuckerhaltige Getränke wie Energy Drinks aus dem dortigen Schulalltag verbannt.

Übergroße T-Shirts gegen unangemessene Kleidung

Die Diskussionen über adäquate Kleidung an Schulen reißen auch in 2019 nicht ab – und sorgten auch in den letzten Jahren immer wieder für Gesprächsstoff: Als wäre der Sommer 2015 nicht schon heiß genug gewesen, entbrannte nicht weit von Rottenburg entfernt in Horb am Neckar eine noch hitzigere Diskussion über angemessene Kleidung in der Schule: Dort drohte die Schulleitung einer Grund- und Werkrealschule einen T-Shirt-Zwang an, wenn Mädchen mit Hot Pants oder bauchfreien Tops bekleidet zum Unterricht kommen sollten. Übergroße Schul-Shirts sollten dem allzu lässigen Bekleidungsstil einiger junger Damen entgegenwirken. Im November 2015 legte die Glemstalschule in Schwieberdingen (ebenfalls Baden-Württemberg) in Sachen angemessene Schulkleidung nach: auch hier sollte ein Jogginghosenverbot das zu legere Kleidungsstück vom Schulhof – in höchstens noch den Sportunterricht – verbannen.

Das Hauptargument der Schulleiterin in Horb: Die Werkrealschule sei dazu da, die jungen Menschen auf das Berufsleben vorzubereiten. Dazu gehöre auch, sich dementsprechend zu kleiden. Schnell wurden in Social-Media-Kanälen die Rufe nach der Einführung von Schuluniformen in Deutschland laut. Sollte das die Lösung sein?

Charakter vor Markenklamotte

Für Befürworter liegen die Vorteile auf der Hand: An Bildungseinrichtungen mit Schuluniformen herrscht ein besseres soziales Klima. Die Schüler definieren sich über ihren Charakter und nicht die neuste Markenklamotte – durch die hier keiner besser oder schlechter gestellt ist. Und damit nicht genug: Das einheitliche Erscheinungsbild stärkt den Gemeinschaftssinn, denn die Identifikation mit der Schule fängt ja schon bei der Kleidung an – und färbt auch auf die Einstellung der Schüler ab. Die übernehmen ganz automatisch eine Vorbildfunktion und achten auf ihr Verhalten außerhalb des Unterrichts, denn jeder Imageschaden an der Schule kann immerhin den eigenen Ruf schädigen. Vandalismus, die Schule schwänzen oder ungebührliches Verhalten: alles viel schwerer mit den Farben der Schule am Leib. Beschwerden gehen auf direktem Weg ins Rektorat. Für manche Länder ein bewährtes Rezept: England, Japan oder Südkorea haben alle bisher gute Erfahrungen mit uniformierten Schülern gemacht – dort haben Schuluniformen allerdings auch eine sehr lange Tradition.

Individualität vor Uniformierung

Markenklamotten würde eine Uniform zwar von Schulen fern halten, aber wie ist das mit teurem Schmuck, luxuriösen Turnschuhen und kostspieligen Accessoires oder Frisuren? Die würde eine Uniform nicht verbieten können. Außerdem können Schuluniformen zu einem immensen Kostenfaktor für Familien werden. Pro Kind sollten ja mindestens zwei Garnituren zur Verfügung stehen – und dann hat das Kind noch keine Freizeitkleidung. Bei Familien mit mehreren Kindern schießen die Ausgaben da schnell in die Höhe.

Und von wegen Zusammenhalt und Zugehörigkeitsgefühl: Was, wenn die eigene Schule einen schlechten Ruf hat? Nimmt die Schuluniform dann den Ruf einzelner Schüler nicht sogar in „Geiselhaft“? Würden sich Passanten den Schülern gegenüber unvoreingenommen verhalten, wenn ihnen bewusst wäre, dass diese von einer nicht sehr angesehenen Schule kommen? Würden Schüler von besser gestellten Schulen nicht herablassend auf die Uniformen anderer Schulen reagieren – und würde das nicht die Rivalität von Schulen befeuern?

Muss es gleich eine Uniform sein?

Es gibt also nicht nur gute Gründe, eine Schuluniform einzuführen. Stattdessen sollte man vielleicht einer gemäßigten Kleiderordnung offen gegenüberstehen – und mit den Schülern über die Wirkung ihrer Kleidung sprechen. Ein Dresscode, der zusammen mit den Schülern entworfen wird, ist sicher zielführender als eine Reglementierung der Kleidung durch eine Uniform. So zeigt es auch das Beispiel der Schulen aus Horb am Neckar und Schwieberdingen.

Wie ging eigentlich die Geschichte mit den Hot Pants aus?

Die XXL-Shirts kamen in Horb noch gar nicht zum Einsatz. Der mediale Hype, den die Schule in ganz Deutschland entfacht hatte, zeigte Wirkung bei den Schülerinnen. Die waren nach der massiven Berichterstattung nämlich derart um ihren guten Ruf besorgt, dass es einer solchen Verhüllung gar nicht mehr bedurfte. Das schlechte Image wollten die jungen Damen nicht auf sich sitzen lassen. Und auch in Schwieberdingen waren vielen Schülern Jogginghosen ohnehin zu unangemessen, um darin im Unterricht zu erscheinen, so die Schulleiterin der Glemstalschule.

An beiden Schulen wird es trotzdem eine Kleiderordnung geben – aber von Lehrern zusammen mit Schülern ausgearbeitet. In Horb wird das Thema zuerst in allen Klassen diskutiert und anschließend in Vorschlägen ausgearbeitet. Diese sollen in den ersten Entwurf der Kleiderordnung mit einfließen. Das Konzept wurde von Lehrern und gewählten Vertretern aus der Schülerschaft gemeinsam erstellt. Bei der Abstimmung über die neue Kleiderordnung darf dann die ganze Schule teilnehmen. Schüler- und Lehrerstimmen zählen übrigens gleich. An der Glemstalschule wird eine Arbeitsgruppe aus Schülern, Lehrern und Eltern demokratisch über die Verbannung von Hot Pants und Jogginghosen aus dem Unterricht entscheiden.

Es war also gar nicht nötig, eine Schuluniform einzuführen. Der offene Dialog der Schulen mit ihren Schülern hat hier zu einfachen, schnellen und sinnvollen Lösungen geführt – und das Thema Schuluniform vorerst wieder aus der Agenda verdrängt. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt. Und es wird sich zeigen, ob die Jungs ihre offenherzigen Muskelshirts dann nur auf dem Basketballfeld tragen und die Mädchen ihre Jogginghose zu Hause im Schrank hängen lassen – oder ob die Sünder-Shirts doch noch zum Einsatz kommen.