Jungs als Verkehrsrisiko
Noch immer werden viele Jungen zu Draufgängern erzogen. Entsprechend höher ist ihr Unfallrisiko.

Jungs als Verkehrsrisiko

Falsche Vorstellungen erziehen zu einem riskanteren Lebensstil

Die Anzahl der Unfälle von Kindern im Straßenverkehr sinkt von Jahr zu Jahr, aber an einem Punkt ändert sich nichts: Jungen verhalten sich deutlich riskanter. Besonders auf dem Fahrrad sind Jungen bis 15 Jahre in viel größerer Gefahr als gleichaltrige Mädchen: Je 100 untersuchte Unfälle sind 69 Kinder männlich und 31 weiblich. Und auch als Fußgänger verunglücken Jungen häufiger als Mädchen (59% zu 41%). Verkehrspsychologen haben längst zwei Ursachen ausgemacht, doch diese Erkenntnisse sind offensichtlich noch nicht bei allen Eltern angekommen.

Machen ist nicht Planen

Die erste Ursache ist das Fahrradfahren an sich. Für Wissenschaftler hat es zwei Aspekte, eine körperliche und eine geistige. Die körperliche Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten und gezielt von A nach B zu fahren, ist etwas, das manche Knirpse schon mit vier oder fünf Jahren vorführen können. Aber spätestens beim Bremsenmüssen kommt ein zweiter Aspekt hinzu: das geistige Vermögen, Bewegungen und Handlungen zu erkennen, zu verstehen und danach richtig zu handeln. Dazu sind Kinder aber erst mit etwa 14 Jahren im Stande. Bis dahin sind viele Fehler alterstypisch, etwa mangelnde Aufmerksamkeit, Missachtung einfachster Regeln oder das falsche Beurteilen von Entfernungen und Geschwindigkeiten. Gegenüber Erwachsenen haben Kinder ein eingeschränktes Blickfeld, sie können schlechter die Richtung eines Geräuschs erkennen und vor allem sind sie nicht in der Lage, die Entwicklung möglicherweise gefährlicher Situationen vorauszusehen. Auf einem Weg beispielsweise, der für Radfahrer und Fußgänger erlaubt ist, überholt ein Achtjähriger zwei Spaziergänger trotz Gegenverkehr, weil er weiß, dass der Weg breit genug ist. Die Möglichkeit aber, dass die Fußgänger plötzlich einen Schritt zur Seite machen, hat das Kind nicht bedacht. Solche Gefahren zu erkennen und dann richtig zu handeln, ist bedeutend schwieriger als das Gleichgewicht zu halten. Aus diesem Grund raten Experten dringend davon ab, Grundschulkinder mit Roller oder Fahrrad auf den Schulweg zu lassen, denn hier passieren die meisten tödlichen Unfälle.

Indianer kennen keinen Schmerz

Die zweite Ursache liegt in der Erziehung kleiner Männer. Die alte Gewissheit nämlich, dass Jungs von Natur aus wilder sind und mehr Bewegung brauchen, bröckelt mit jeder neuen Untersuchung. Es sind nämlich nicht die Gene, sondern die Erziehung prägt das Verhalten. Vielen Eltern ist nicht bewusst, welche Konsequenzen das Erziehen nach Geschlechterrolle hat; überspitzt, dass Mädchen grundsätzlich lieb und vorsichtig sind, Jungs dagegen laut und immer in Bewegung, ist ein Irrtum. Und eine Folge daraus ist, dass Jungs früher als Mädchen ihr Revier erkunden dürfen oder sogar sollen, sei es zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Doch genau dabei scheitern manche der kleinen Kerle, weil sie schlicht und einfach noch nicht in der Lage sind, Gefahren richtig einzuschätzen. Kindern, nur weil sie männlichen Geschlechts sind, den Straßenverkehr auf die harte Tour näher zu bringen, ist keine gute Idee. Ebenso käme niemand auf die Idee zu verlangen, dass Mädchen erst später mit dem Fahrradfahren beginnen, weil sich bei den Jungs ja zeigt, wie gefährlich das ist.

Kindgerechtes Verkehrstraining und Walking Schulbus

In vielen Bereichen merken sich Kinder Verhaltensweisen leichter, wenn sie positiv erklärt werden. Statt zu sagen „nicht auf die Straße laufen“ ist es besser aufzufordern „bleib auf dem Fußweg“ ­– also Kindern zu erklären, was die richtige Handlung ist statt zu betonen, was nicht, denn so werden gefährliche Verwechslungen vermieden. Noch wichtiger ist das regelmäßige Einüben der richtigen Verhaltensweisen im Straßenverkehr. Für den Schulweg bedeutet das, diesen mehrfach gemeinsam abzugehen und die kritischen Stellen klar zu benennen, Zebrastreifen, Ausfahrten oder Gleisanlagen. Und als Test lassen sich Eltern anschließend von ihren Kindern nach Hause bringen. Bezogen auf die gesamte Grundschulzeit ist auch der sogenannte Walking Schulbus eine Überlegung wert. Das ist eine Gehgemeinschaft von Schulkindern, die jeden Tag zur gleichen Zeit dieselbe Route läuft. Eine solche Gruppe schützt das einzelne Kind mehrfach: Viele Kinder sind besser sichtbar und sie kontrollieren sich in gewissen Maßen gegenseitig. Im Idealfall wird eine solche Schulkinderschulweggruppe zusätzlich von einem Erwachsenen begleitet.

Das Alter entscheidet

Wie sehr der Straßenverkehr Kinder (mit rund viermal mehr Fahrzeugen als Kindern) oft überfordert, beschäftigt auch Juristen. Kindliches Fehlverhalten macht Kinder nämlich nicht nur zu Opfern sondern auch zu „Tätern“ im Straßenverkehr, beispielsweise wenn ein Autofahrer einem Kind ausweicht und dabei andere Schäden entstehen. Einige Psychologen schlagen vor, dass die zivilrechtliche Altersgrenze von derzeit sieben Jahre deutlich angehoben wird. Denn obwohl viele Experten überzeugt sind, dass Kinder je nach Alter viele Handlungen nicht überschauen können, haften Eltern dennoch für Schäden, bei Mädchen und Jungs.