Hausfriedensbruch durch Hausaufgaben?
Hausaufgaben verfehlen oft ihre Wirkung.

Hausfriedensbruch durch Hausaufgaben?

Vor mehr als 500 Jahren wurden Hausaufgaben für Schüler „erfunden“. Zu Hause sollte geübt werden, was damals schon wichtig war: Lesen, Schreiben, Rechnen. Bücher wurden noch von Hand kopiert, es gab Wachstafeln statt Papier … und Schulbildung war ausschließlich den Reichen vorbehalten. Bildung war extrem teuer und privates Lernen deshalb auch ein Prestigeobjekt. Mit den Hausaufgaben sollte das Erlernte in Fleisch und Blut übergehen, so die Theorie. Doch ob das funktioniert, hat bis in die 1950er Jahre niemand überprüft. Der Erziehungswissenschaftler Bernhard Wittmann wagte 1958 als erster ein Experiment: In zwei Fächern durften Dritt- und Sechsklässler keine Hausaufgaben machen und wurden anschließend mit Hausaufgaben-Schülern verglichen – Ergebnis: Hausaufgaben verbessern weder die schulischen Leistungen noch vertiefen sie Kenntnisse und Fertigkeiten. Zur gleichen Erkenntnis kamen ein vierjähriger Versuch in der Schweiz in den 1990ern und eine Studie der TU Dresden 2008.

Viele Fehler im System

Dass Schüler das Büffeln daheim überwiegend ablehnen, überrascht kaum. Doch auch Eltern und Lehrer erkennen zunehmend mehr Schaden als Nutzen. Der frühere Vorsitzende des Bundeselternrats Hans-Peter Vogeler nennt Hausaufgaben Hausfriedensbruch. Sie stehlen der Familie Zeit, überlasten viele Eltern und sind sozial ungerecht. Stichwort Nachhilfe: Wer zusätzliche Hilfe braucht, muss zahlen. Im Durchschnitt eine Stunde sitzen deutsche Schüler täglich in den eigenen vier Wänden, üben und lernen nach. Aber wer schon in der Schule einen Lösungsweg in Algebra nicht verstanden hat, wird ihn – allein daheim – kaum selber finden. Auch Lehrer würden ihre Zeit gerne sinnvoller nutzen als Aufgaben zu stellen und zu kontrollieren, zumal nicht zu erkennen ist, wer die Aufgaben tatsächlich mit oder ohne Hilfe von Eltern, Geschwistern oder Freunden bearbeitet hat. Hausaufgaben zu benoten, ist vor diesem Hintergrund sogar zwangsläufig ungerecht. Und noch etwas kam bei allen Untersuchungen heraus: Schüler ohne Hausaufgaben gehen lieber in die Schule und sind dort deutlich motivierter.

Lernen kostet

Einig sind sich Lehrer und Wissenschaftler in einem Punkt: Übungen und selbständige Lernphasen gehören zum Unterricht dazu und müssen professionell begleitet werden, denn jedes Kind lernt unterschiedlich schnell. Ansätze dazu gibt es mit den sogenannten Lerninseln schon für Grundschüler, doch für echte individuelle Betreuung fehlt regelmäßig Personal, und gleiches gilt vielfach für die Nachmittagsbetreuung beispielsweise an Ganztagsschulen.

Der Rohrstock wurde auch abgeschafft

Warum Hausaufgaben nicht längst abgeschafft sind, hat einen einzigen Grund, sagt der Journalist und Buchautor Armin Himmelrath: Weil jeder mit Hausaufgaben groß geworden ist, werden sie als ein Muss akzeptiert und nicht wirksam hinterfragt. Doch neutral betrachtet, so Himmelrath, seien Hausaufgaben pädagogischer Unsinn, pure Zeitverschwendung und einfach Quatsch. Eltern, Wissenschaftler und Lehrer fordert er auf, statt Hausaufgaben das selbstständige Lernen zu fördern. Auch im Schulsystem ist Wandel möglich, betont Himmelrath: „Jahrhundertelang wurde mit dem Rohrstock erzogen, auch in der Schule, und irgendwann hat man festgestellt, es gehörte zwar dazu, aber das geht so nicht mehr. Und irgendwann muss man natürlich auch bei den Hausaufgaben mal zu dieser Erkenntnis kommen.“