Brauchen wir ein Gütesiegel für Nachhilfeschulen?
Im Scout-Schulalter können meist noch die Eltern helfen. Für die Zeit danach sollte man – wenn überhaupt – nach richtig professioneller Nachhilfe schauen.

Brauchen wir ein Gütesiegel für Nachhilfeschulen?

Es gibt sie für Spielzeug, Kindermöbel oder Textilien – und seien wir ehrlich, viele von uns Deutschen sind geradezu vernarrt in Gütesiegel. Besonders wenn es ums Wohl unserer Kinder geht, können gar nicht genug Sicherheitslabels auf Produktverpackungen gedruckt sein. Denn für uns stehen Gütesiegel für Qualität und Vertrauen. Zwei Werte, die Eltern eben auch dann schätzen, wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht.

Spätestens seit Anfang 2017 eine von mutmaßlichen Reichsbürgern betriebene Nachhilfeschule Schlagzeilen machte, wurden Überlegungen laut, auch eine Gütesiegelpflicht von Nachhilfeschulen einzuführen. Immerhin werden allein in Deutschland jedes Jahr Millionen Euro in kommerzielle Nachhilfe investiert. Pro Kopf liegen die Ausgaben durchschnittlich zwischen 100,- Euro und 150,- Euro pro Jahr – dabei sind Kinder aus wohlhabenden Familien deutlich überrepräsentiert. Eine staatliche Institution, die den Nachhilfegebern auf die Finger schaut, gibt es aber nicht. Es gibt zwar Gütesiegel, wie das des TÜV Rheinland, allerdings sind diese Audits weder verpflichtend, noch gibt es staatliche Standards, die erfüllt werden müssen.

Also bitte her mit einem Gütesiegel – und zwar schnell, hört man sich rufen. Allerdings stellt sich die Frage, ob so ein Siegel die Qualität jeder einzelnen Nachhilfeeinrichtung transparent machen würde? Und müsste dann wirklich jeder Student, der Nachhilfe geben möchte, sich einem womöglich teuren Audit unterziehen?

Eine Hilfe für Nachhilfe?

Laut einer Studie von Statista bekommt knapp die Hälfte der deutschen Schüler Nachhilfe von Studenten, anderen Schülern oder Freunden, Verwandten und Bekannten. Nur knapp 30 Prozent von ausgebildeten Lehrern.

Eine von der Hans-Böckler-Stiftung in Auftrag gegebene Überblicksstudie mit dem Titel „Außerschulische Nachhilfe“ bemängelt eine „sehr geringe staatliche Aufsicht“ für den kommerziellen Nachhilfemarkt. Dabei existiere für fast alle Bereiche des Bildungssystems „ein staatlich regulierter Rechts-, Verantwortungs- und Ordnungsrahmen“. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich, da bei Nachhilfeschulen die Schulaufsicht und Regelungshoheit nicht dem Staat unterliegen (Grundgesetz Artikel 7), sondern unter Berufsfreiheit (Grundgesetz Artikel 12) fallen. Von den in der Überblicksstudie befragten Unternehmen waren übrigens gerade einmal 30 Prozent mit einem freiwilligen Gütesiegel zertifiziert.

Selbst aktiv werden

Es bleibt Eltern also kaum etwas anderes übrig, als die Nachhilfeschule der Wahl genauer unter die Lupe zu nehmen. Wobei die erste Frage, die man sich stellt, immer lauten sollte, ob mein Kind Nachhilfe überhaupt nötig hat – und wenn ja, dann am besten nur in Problemfächern. Hier sollten sich in absehbarer Zeit Erfolge einstellen. Da guter Nachhilfeunterricht zum selbstständigen Lernen befähigen sollte, dürften die Noten auch dann nicht schlechter werden, wenn der Nachhilfekurs irgendwann nicht mehr besucht wird. Allerdings lassen sich diese Fortschritte nicht sofort feststellen.

Um nicht eines Tages vor die vollendeten Tatsachen eines schlechten Nachhilfeunterrichts gestellt zu werden, sollten Eltern sich bei der Auswahl die folgenden Fragen stellen:

  • Ist die Nachhilfekraft meinem Kind sympathisch?
  • Verfügt die Person über Fachwissen und hat sie Nachweise dafür?
  • Sind Einfühlungsvermögen, Geduld und Kreativität vorhanden, um den Stoff richtig zu vermitteln?
  • Finden die Stunden regelmäßig, pünktlich und im vereinbarten Zeitrahmen statt?

Um das herauszufinden sollte die Einrichtung bereit sein, einen Probemonat anzubieten. Anschließend sollte mit dem Kind zusammen entschieden werden, ob es sich lohnt, den Unterricht dort fortzusetzen. Denn wenn der Nachhilfeschüler anschließend keine Erfolge sieht, hilft das beste Gütesiegel nichts.