Die Schuhle ist schullt

Die Schuhle ist schullt

Der Streit um die beste Lernmethode wird auf dem Rücken der Grundschüler ausgetragen. Und das belastet uns alle.

Pech für Tim. Eigentlich ist der quirlige Zweitklässler gerne in die Schule gegangen, aber zum neuen Schuljahr ist seine Familie umgezogen – und plötzlich ist alles anders im Deutsch-Unterricht. Tim ist verwirrt, Leistung und Motivation sind im Keller, die Eltern ratlos. Tim ist eines der vielen Opfer eines Streits um die wahre, beste und einzige Methode, wie Kinder Lesen und korrektes Schreiben vermittelt bekommen sollen.

In der ersten Klasse galt für Tim die Fibel-Methode. Dabei hangeln sich die Kinder mit dem frisch erlernten Alphabet im Kopf Buchstabe für Buchstabe durch ein Wort der Fibel. r – u – f – t, buchstabiert Tim vor. Ruft. Und dann krakelt er das gelesene Wort mit dem Stift in sein Heft.

Jetzt aber muss er „Lesen durch Schreiben“ lernen. Die Theorie ist, dass Kinder beim Schreiben automatisch auch Lesen lernen. Tim blättert sein neues Übungsbuch auf und erklärt: „Das ist ein großes A. Daneben ist ein Bild von einer Ameise. Zu jedem Buchstaben gibt es Bilder. Wenn ich jetzt ein Wort schreiben soll, suche ich die Buchstaben der Reihe nach heraus – so wie die Bilder anfangen.“

Tim versucht sich an „Rad“ und nach einer Weile steht „Rat“ in seinem Heft. Für seine Lehrerin ist das okay. Die ganz richtige Schreibung kommt später. Für Eltern, Lehrer an weiterführenden Schulen und Ausbilder ist das gar nicht in Ordnung.

Zwar belegen Studien, dass beide Methoden bis zur vierten Klasse eine etwa gleiche Schreib- und Leseleistung ermöglichen. Aber richtig gut ist die nicht.

Und sie ist sogar richtig schlecht bei Migrantenkindern und Klassen, in denen nicht alle von Haus aus Hochdeutsch sprechen. „Lesen durch Schreiben“ wurde in den 1970er Jahren entwickelt, doch heute sieht die Schulrealität ganz anders aus. In manchen Grundschulklassen tummeln sich ausschließlich Migrantenkinder, und alle erkennen zwar das Bild einer Tomate, doch im Kopf spricht es jedes in seiner Muttersprache aus. Dadurch fängt die Tomate plötzlich mit D an. Denn Tomate heißt auf türkisch „domates“.

Auch Bildungsexperten haben die Probleme erkannt und zeigen einen Ausweg: Beide Methoden müssen kombiniert werden, je nachdem, welche Voraussetzungen die Schüler mitbringen und wie die Klassen zusammengesetzt sind. Das jedoch wirft ein neues Problem auf, denn Lehrer sind darauf nicht vorbereitet. Sie lernen an der Uni, dass „Lesen durch Schreiben“ eine Methode ist. Und nicht nur eine Option.

Solange also Lehrpläne nach Methoden aufgebaut und stur abgearbeitet werden, sitzen Grundschüler wie Tim weiterhin zwischen den Stühlen – auch nicht gut für den Rücken.

Zum Glück haben Tims Eltern jede Menge spannende Bücher. Die liest Tim jetzt, und manchmal schreibt er auch etwas. Und Mama und Papa erklären ihm sofort, was er richtig und was falsch gemacht hat. Das findet Tim richtig gut.