Die Gleitzeit-Schule

Die Gleitzeit-Schule

Im Gymnasium Alsdorf in Nordrhein-Westfahlen ticken die Uhren seit Februar 2016 anders – zumindest für die Schüler der Oberstufe. Weil die Schule sich an einer bundesweit einzigartigen Studie beteiligt, dürfen die Jugendlichen selbst entscheiden, ob der Unterricht für sie um 8:00 Uhr oder um 8:50 Uhr beginnt. Die Untersuchung soll feststellen, ob sich dadurch die Leistungen der Schüler verbessern lassen. Dafür wurden 45 der jungen Probanden zusätzlich mit einem Tracker am Handgelenk ausgestattet. Dieser zeichnet Daten über ihren Schlaf-Wach-Rhythmus auf.

Unterricht nach Dalton

Die Schüler sollen während der Studie ihre Eigenverantwortung stärken und sich selbstständiges Lernen aneignen. Das Unterrichtskonzept nach Dalton macht’s möglich: Nach diesem System – kommt von der amerikanischen Pädagogin Helen Parkhurst – erarbeiten sich die Schüler rund ein Drittel der Lerninhalte selbst. Jede dritte Stunde pro Unterrichtsfach dürfen die Schüler demnach selbst gestalten. Dafür stehen täglich zwei Freistunden zur Verfügung. Ob sie dann in Lerngruppen arbeiten, im Internet recherchieren oder den Stoff in Schulbüchern nachlesen, ist ihre Entscheidung – ebenso die Wahl des Raumes und des Lehrers. Diese sogenannte Dalton-Stunde können die Schüler in die erste Schulstunde legen. Langschläfer hingegen müssen den Unterricht in einer Freistunde nachholen. Diese Möglichkeit besteht an gymnasialen Oberstufen mit der Dalton-Methodik. Ab der zweiten Stunde haben die Schüler wie gewohnt Anwesenheitspflicht.

Leben und lernen nach der inneren Uhr

Ein früher Schulstart läuft der biologischen Uhr von Teenagern zuwider. Denn bei Jugendlichen zwischen 15 und 23 Jahren wird das Schlafhormon Melatonin rund zwei Stunden später als bei Erwachsenen ausgeschüttet. Teenager werden dadurch zu Nachteulen und Langschläfern. Ein durchschnittlicher 17-jähriger Schüler hat demnach eine Einschlafzeit um 1 Uhr nachts und würde natürlich wieder gegen 9 Uhr morgens aufwachen – seine Schlafmitte würde er damit gegen 5 Uhr morgens erreichen. Das haben Forschungen des Instituts für medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München ergeben. Einem frühen Weckruf gegen 6 Uhr fällt deshalb häufig die letzte wichtige REM-Schlafphase zum Opfer – und der natürliche Rhythmus ist um gut drei Stunden versetzt. Die Jugendlichen sind nicht ausgeschlafen, schleppen sich müde zum Unterricht und haben dann mehr Schwierigkeiten, sich Dinge zu merken. Viele fallen während der ersten Stunde häufig in einen Mikroschlaf. Das Hirn schaltet dann kurzzeitig in den Offline-Modus – da bringt es auch nichts, die Teens früher ins Bett zu schicken.

Experten der Ludwig-Maximilians-Universität München und das Team um den renommierten Chronobiologen Till Roenneberg begleiten das Modellprojekt wissenschaftlich und werten Millionen von Daten aus. Sie gehen davon aus, dass, wer zur falschen Zeit aufsteht, auch schlechtere Noten in der Schule hat. Die ersten Studienergebnisse werden derzeit noch ausgewertet. Das Fazit von Schülern und Lehrern fiel nach der ersten Testphase allerdings derart positiv aus, dass das neue System unlängst in den Dauerbetrieb übernommen wurde. Die Gleitzeit bleibt den Schülern erhalten.