Der Lack ist ab

Der Lack ist ab

Wer soll denn da noch gerne zur Schule gehen?

Klamme Kommunen, marode Klassenzimmer und heruntergekommene Schulhöfe. Um der fortschreitenden Verwahrlosung vieler deutscher Schulen entgegenzutreten, greifen engagierte Eltern immer öfter selbst zu Farbrolle und Wasserrohrzange. Was soll man sonst auch gegen bröckelnden Putz, schimmelnde Wände und übel riechende Toiletten unternehmen?

Unterricht im Container? Nein, danke!

Es ist kein regionales Problem. Quer durch die Republik verfallen viele Schulhäuser. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren seien 1.800 Grundschulen geschlossen worden, diese Schließungen und ein anstehender Schüler-Boom sorgten jetzt allerdings dafür, dass rund 2.400 neue Grundschulen gebraucht werden, sagt Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung. Und nicht nur bei Problemkindern wie Berlin oder Bremen herrscht Not. Auch im finanziell besser situierten Bayern fristen viele Schulen ein trostloses Dasein. Die Instandsetzungsmaßnahmen seitens der Kommunen sind oft so dürftig, dass sie gerade noch für die Brandschutzbestimmungen ausreichen – an manchen Schulhäusern in der Republik wurde seit über 50 Jahren nicht mehr viel auf Vordermann gebracht.

Die Gebäude werden oftmals sich selbst überlassen. Außer es finden sich Eltern, die sich in Fördervereinen engagieren und die fälligen Renovierungsarbeiten in Eigenregie übernehmen – mit eigenem Werkzeug. Denn die Alternative wäre Unterricht in der Ruine oder im Container. Und man will ja auch nicht, dass sich der eigene Sprössling vor Ekel nicht mehr auf die Schultoilette traut.

Den Fokus falsch gelegt?

Geht es in den Medien über Schulen, hört man vor allem was zu Themen wie Ganztagesschulen, Inklusion, Lehrermangel oder Elitenförderung. Um Schulgebäude selbst geht es viel zu selten. Sie rücken nur in den Fokus, wenn erboste Eltern ihrem Ärger Luft machen und protestierend Renovierungen der Gebäude fordern. Aber selbst dann schlagen die Wellen nur regional und auch nur kurz hoch. Dabei trägt gerade das Lernumfeld stark zur Lernbereitschaft der Schüler bei.

Der Renovierungsbedarf an deutschen Schulen wird von Experten auf rund 30 Milliarden Euro geschätzt – und ist das Ergebnis jahrzehntelanger Untätigkeit und Versäumnisse. An manchen Schulen ist schon gar kein normaler Betrieb mehr möglich. Fehlende Lehrkräfte, marode Klassenzimmer, schimmelnde Wände und kaputte Tafeln sorgen für bis zu einer Million Schulstunden, die jede Woche ausfallen müssen.

Macht der „Clean Day“ Schule?

Vielen Kommunen sitzt das Geld nicht gerade locker. Weder für Straßen noch für Schulen. Der Bund hat aber auch Etatprobleme, sieht sich außerstande, Unterstützung zu leisten – und verweist auf die Sorgfaltspflicht der Kommunen. Ein Teufelskreis. Wer also ist dafür zuständig?

So pilgern Samstag für Samstag (oder während der Ferien) Eltern, manchmal auch zusammen mit den Schülern, in die Schule, um einen angenehmen Ort zum Lernen zu schaffen. Die To-do-Listen sind oft lang. An einer Kölner Schule wurde deshalb sogar ein „Clean Day“ ins Leben gerufen: Anhand einer Liste mit unerledigten Aufgaben konnten sich die Eltern für die Tätigkeit eintragen, die für sie am besten zu bewerkstelligen war – und dann loslegen. Die Liste war aber derart umfangreich, dass die meisten Eltern mehrmals im Jahr antreten mussten, um die notwendigen Renovierungsarbeiten fertigstellen zu können. Zwar zahlte die Stadt in diesem Fall die Materialien, aber den wirklichen Löwenanteil mussten die Eltern leisten.

Neue Wege für alte Schulhäuser

Wie die Eltern aus der Pflicht genommen werden können, zeigen zwei Beispiele aus Nordrhein-Westfalen und Brandenburg:

In Nettetal im Kreis Viersen wurden die fälligen Renovierungsarbeiten an einer Schule zum pädagogischen Projekt umgekrempelt. Schüler, die in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung besonders gefördert werden sollten, griffen hier zu Pinsel und Spachtel. Mit dem Ziel, den Schülern Geduld und Verantwortungsbewusstsein durch die körperliche Arbeit zu vermitteln, wurde nach und nach das komplette Schulgebäude renoviert – mit einem weiteren positiven Nebeneffekt: Respekt vor fremdem Eigentum. Die Schüler gehen laut einer Lehrerin jetzt pfleglicher mit dem Inventar und den Räumen, die sie selbst renoviert haben, um – und mancher Schüler fand sogar Gefallen an den handwerklichen Tätigkeiten.

In Brandenburg hingegen hat man sich für einen anderen Weg entschieden. Hier sollen zukünftig nicht die Eltern, sondern Strafgefangene marode Schulen und Seniorenheime wieder in Schuss bringen. Aus der Maßnahme soll eine Win-win-Situation werden: Zum einen soll die Wiedereingliederung der Inhaftierten gefördert werden; Verurteilte, die nicht im Stande dazu sind, eine Geldstrafe zu begleichen, könnten auf diesem Weg sogar einer Haftstrafe entgehen – indem sie ganz einfach ihre Schulden abarbeiten. Auf der anderen Hand sparen sich die Kommunen das Geld für Renovierungsarbeiten durch Firmen. Die Resozialisierung soll aber nur für Gefangene mit leichten Delikten zugänglich sein. Schwerverbrecher sollen von der Maßnahme ausgeschlossen bleiben.

So löblich diese Vorstöße und Lösungsansätze auch sind: Viele Schulen werden auch in Zukunft auf das Engagement von Eltern angewiesen sein. Bleibt nur zu hoffen, dass in deren Kalender auch dann noch ein paar Termine für die Lehranstalt ihres Sprösslings frei sind.