Das Kind ritzt sich. Was tun?

Das Kind ritzt sich. Was tun?

Selbstverletzendes Verhalten ist ein Hilferuf, der zu oft ungehört bleibt.

Die schmalen roten Linien auf der Haut sind eindeutig – eingeritzt mit einer Rasierklinge. Wer sie entdeckt, erlebt plötzlich ein Trommelfeuer aus schlechten Gefühlen und bohrenden Fragen. Doch das viel größere Problem hat die Person, die sich selbst gezielt verletzt hat. Darüber muss sich jeder klar werden, der eine solche Situation durchstehen muss – so schnell wie möglich.

Natürlich drängt die Frage nach dem Warum, doch die zu beantworten, braucht Zeit. Viel wichtiger ist ein sofortiges Signal an das Kind oder den Jugendlichen, dass man sich Gedanken macht. So schwierig und kompliziert die spätere Aufarbeitung im Einzelfall auch sein mag, so klar sind die allgemeinen Gebote, wenn man selbstverletzendes Verhalten (SVV) entdeckt.

• Ruhe bewahren und Mitgefühl zeigen.

• Die Person akzeptieren, nicht ihr Verhalten.

• Klar aussprechen, dass andere sich Gedanken machen.

• Einsehen, dass das Verhalten ein Versuch ist, mit seelischem Schmerz umzugehen.

• Für SVV dieselben Worte benutzen wie der Jugendliche.

• Zeigen, dass man zuhören will.

• Kein Urteil fällen.

Neben Eltern, Verwandten und Freunden sind es häufig Lehrer, die auffälliges Verhalten bemerken. Ihnen ist besonders empfohlen, den Schüler unter vier Augen anzusprechen, auf keinen Fall aber ihn vor Mitschülern bloßzustellen. Wer sich selbst verletzt, hat bereits mehr Probleme, als er allein bewältigen kann. Und um die Lage nicht noch schlimmer zu machen, gilt es, die eigenen Impulse unter Kontrolle zu bringen und folgendes zu beachten:

• Nicht in Aktionismus verfallen.

• Nicht den Kopf verlieren und Panik- oder Schockreaktion zeigen.

• Nicht drohen, kein Ultimatum stellen.

• Kein übertriebenes Interesse an den Verletzungen zeigen.

• Nicht erlauben, dass sich das Kind mit Gleichaltrigen über SVV detailliert austauscht.

• Nicht versprechen, dass man das Wissen unter allen Umständen für sich behalten wird.

Die Thematik SVV ist kompliziert, vielschichtig und wird weltweit untersucht. Experten gehen davon aus, dass sich in Deutschland bis zu einem der Drittel der Jugendlichen schon einmal bewusst selbst verletzt haben, 4 % davon wiederholt oder regelmäßig. Damit unterscheiden sich die Zahlen nicht von anderen Ländern wie den USA, Frankreich oder Japan. Unklar ist allerdings, ob die Fallzahlen tatsächlich ansteigen oder ob einfach nur genauer hingesehen wird. Und wenn es immer mehr Fälle von SVV gibt, woran liegt das? Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, ist es hilfreich zwischen Auslösern und Ursachen zu trennen. Fragt man nach, nennen Jugendliche immer wieder die gleichen fünf Gründe:

1. Unerträgliche Spannung abbauen.

2. Frustration loswerden.

3. Ablenkung von unliebsamen Erinnerungen.

4. Mit körperlichen Schmerzen von anderem Schmerz ablenken.

5. Flucht vor unangenehmen Gefühlen und Stimmungen.

Formen der Selbstverletzung gibt es viele. Sie alle zielen im Kern darauf, sich stärker wahrzunehmen und Kontrolle über sich selbst zu beweisen. Das Verhalten gegen den eigenen Körper ist eine Notwehr gegen Einsamkeit, Angst oder Hilflosigkeit. Die Betroffenen sehen sich in einer ausweglosen Situation und finden keinen anderen Ausweg. Je länger das anhält, desto schwerwiegender die Folgen.

Selbstverletzende Handlungen treten fast ausschliesslich nach dem Grundschulalter auf, die Ursachen dafür liegen allerdings in früheren Jahren. Sozialer Hintergrund, biologische Faktoren und das persönliche Umfeld müssen dazu beleuchtet werden, denn je früher auffälliges Verhalten wahrgenommen wird, desto besser lässt sich positiv dagegen steuern. Doch wer kann durch bloße Beobachtung unterscheiden, ob ein Kind nur etwas stiller ist als andere oder ob diese Zurückhaltung schwerwiegende Gründe hat? Und generell binden laute oder aggressive Kinder in Kita oder Grundschule die Aufmerksamkeit von Erziehern und Lehrern stärker, gilt es doch, die Disziplin aufrecht zu halten. Kinder mit SVV-Risiko werden deshalb leicht übersehen. Dieses Problem ist bei Fachleuten in Ministerien und Schulen bekannt, mit Fortbildung und Aufklärung soll es gelöst werden. Doch das ist ein schwieriges Unterfangen, denn auch Eltern und sogar Mitschüler müssen sich beteiligen oder einbezogen werden – die Grenze zur Einmischung in familiären Angelegenheiten ist dann jedoch ebenso schnell verletzt wie die Privatsphäre.

Diese Schwierigkeiten insgesamt dürfen aber nicht dazu führen, dass einem Kind in Not Hilfe verweigert wird. Selbst helfen kann es sich nicht. An Schulen stehen Beratungslehrer bereit, in allen anderen Fällen helfen Beratungsstellen weiter. Und wer sich unsicher ist, fragt als ersten Schritt beim Hausarzt oder der Telefonseelsorge nach.