Das fliegende Klassenzimmer

Das fliegende Klassenzimmer

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, wusste schon Matthias Claudius und schickte seinen Helden einmal um die ganze Welt. Ähnliches widerfährt Schülern heutzutage in der Schulzeit: Kurzschullandheim in der Grundschule, in der sechsten bis achten Klasse geht es ins Schullandheim, hier ein Schüleraustausch, da eine Studienfahrt … vereinzelt gönnt man sich ein Skischullandheim und in der Oberstufe folgt die Abschlussfahrt. Ging es einst nach Isny, Hamburg oder Karl-Marx-Stadt (heute besser bekannt als Chemnitz), lesen sich die Reiseziele heute häufig wie der Katalog „Städtereisen Europa“. Nicht selten besucht man in 12 Schuljahren Rom, London und Paris sowie zum krönenden Abschluss Ibiza oder Lloret de Mar.

„Bei der Erfüllung der erzieherischen Aufgaben der Schule kommt außerunterrichtlichen Veranstaltungen besondere Bedeutung zu“, erläutern die baden-württembergischen Richtlinien den Sinn von Klassenfahrten: „Sie dienen der Vertiefung, Erweiterung und Ergänzung des Unterrichts und tragen zur Entfaltung und Stärkung der Gesamtpersönlichkeit des einzelnen Schülers bei.“

Aber müssen Jugendliche für diese Persönlichkeitsentwicklung so oft und so weit in die Ferne? Klassenfahrtbabys zeugen und Alkoholexzesse zelebrieren – das geht auch im Odenwald, im Siegerland oder in der Uckermark. Den elterlichen Geldbeutel würde dies allemal schonen, denn die pädagogische Wanderlust will bezahlt werden.

New York, Rio, Tokio – Steuerzahler, zur Kasse bitte!

Einen Trip der besonderen Art unternahm ein Englisch-Leistungskurs aus Berlin. Das Reiseziel: New York City. Kostenpunkt: 38.000 Euro. Kostenträger: der Steuerzahler. Der Luxustrip wurde vom Jobcenter im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets übernommen, da die mittellosen Eltern die nötigen 2.539 Euro pro Person gerade nicht zur Hand hatten. Zusätzlich gab es für fünf Schüler einen kurzen Abstecher nach Washington. Berliner Politiker und der Bund der Steuerzahler reagierten empört. Der Rektor rechtfertigte den Trip mit dem Lehrplan, der Amerika-Themen beinhaltet, und leichtem Anti-Amerikanismus bei den Schülern. Zukünftig würde es aber keine Fahrten mehr zu diesem Preis geben. Das Echo darauf hätte ein wenig Stress erzeugt.

Es schlagen ach zwei Herzen

Der Volksmund weiß: „Alle Wege führen nach Rom“. Dabei ist die ewige Stadt nicht nur für Lateiner spannend, sondern bietet überdies ein lohnendes Studienreiseziel für die Fächer Kunst, Religion und Geschichte. Ähnlich lassen sich Argumente für Paris oder London finden. Leider berichten viele Lehrer, dass für Schüler die Vertiefung der Lerninhalte vor Ort vielmehr eine intensive Beschäftigung mit den lokalen Spirituosen bedeute. In solchen Fällen lässt sich eine Kostenübernahme von Reisen für sozialschwache Schüler nur schwer als Erweiterung des Bildungshorizonts rechtfertigen. Das soziale Zusammenleben in einer Klasse lässt sich auch anderweitig fördern.

16 Bundesländer, 16 Richtlinien

Von Rom, Paris und London will man im saarländischen Bildungsministerium nichts mehr wissen. Klassenfahrten im Saarland dürfen nur noch in der Region und im angrenzenden französischen Département Moselle stattfinden. Das sind die strengsten Richtlinien der 16 Bundeländer in Deutschland – denn jedes Land hat seine eigenen. Und während in Berlin weiterhin keine Höchstgrenze für die Reisekosten gilt, erließ man in Hessen eine 450 Euro Deckelung für Schullandheime im Ausland.

Ein besonderes Augenmerk gilt indes für Studienfahrten zu Gedenkstätten nationalsozialistischen Unrechts. In mehreren Bundesländern gibt es für diese Form des Unterrichts am anderen Ort großzügige finanzielle Förderungen für alle Teilnehmer. Das sind zwar keine attraktiven Reiseziele, aber bildet und schadet gewiss nicht bei der Persönlichkeitsentwicklung.