Bildung fürs Herz – Werte für die „Generation Rotzlöffel“
Kinder brauchen Freiheiten – aber wie weit dürfen diese gehen?

Bildung fürs Herz – Werte für die „Generation Rotzlöffel“

Deutsch, Englisch, Biologie: Reine Wissensvermittlung findet im Klassenzimmer statt. Aber wie sieht es mit der Bildung aus, für die es keine Noten im Schulzeugnis gibt? Mit der Herzensbildung und Werten wie Verantwortungsbewusstsein, Höflichkeit, Ehrlichkeit, Fairness und Mitgefühl? Viele sagen: Die Jugend geht mal wieder den Bach runter. Das war ja eigentlich schon immer so. Aber wie sieht’s denn heute wirklich aus? Ist das Wehklagen älterer Generationen nun berechtigt?

Ein Lehrer macht sich Luft

Zumindest für den Lehrer einer portugiesischen Schule ist die „Generation Rotzlöffel“ längst kein Mythos mehr, sondern ein wahrer Albtraum, aus dem er aufwachen will. Anhand eines Aushangs erklärte er im Januar 2017 in wenigen Sätzen, was Kinder von Haus aus an Benimmregeln in die Schule mitzubringen hätten. Das Poster landete im Netz – und feierte einen viralen Erfolg. Die Forderungen wurden weltweit mit großer Zustimmung befeuert. Die Quintessenz des Plakats: Die Schule kann und darf nicht das an Bildung ausgleichen, was zu Hause versäumt wurde. Zuspruch für das Beschwerdeplakat kommt auch aus Deutschland.

Mit einem roten, fettgedruckten „DEAR PARENTS“ beginnend, heißt es, dass gängige Dinge wie das Grüßen, „Danke“ und „Bitte“ zu jener Art Erziehung gehören, die in den Händen der Eltern liege. Aber auch, dass Kinder zu Hause Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Freundlichkeit, Einfühlungsvermögen zu erlernen hätten und Respekt gegenüber Lehrern erweisen sollten. Außerdem: „Zu Hause lernt man, nicht mit vollem Mund zu sprechen und wie man Müll anständig entsorgt.“ Und: „Zu Hause lernt man, wie man sich organisiert, Acht auf seine Habseligkeiten gibt und dass es nicht in Ordnung ist, andere anzufassen.“ Im Gegenzug würden Lehrer den Schülern Mathe, Geschichte, Geographie, Physik, Naturwissenschaften und Sport beibringen und lediglich die Bildung bestärken, die Schulkinder daheim erhalten.

Die Schuldigen: Erziehungsstil und Smartphone?

Was ist dran am Sittenverfall der Jugend? Die Suche nach der Schuld und den Schuldigen greift um sich. Der schwedische Psychiater David Eberhard etwa macht die liberale Erziehung der Eltern verantwortlich, die nicht nur den Kindern, sondern auch ihnen selbst schade. Eltern würden ihren Sprösslingen zu viel Freiheit gewähren und sich bei falschem Verhalten nicht mehr trauen einzugreifen. Altmodische Werte wie Gehorsam und Disziplin seien eben verpönt. Auch der Familientherapeut Jesper Juul sagt: „Viele Eltern benehmen sich heute wie Flugbegleiter.“ Lächelnd sagen sie „Bitte“ zu ihrem Kind und benutzen Konjunktive (könntest du, würdest du …), bis ihre Kinder sie nicht mehr verstehen. Seine Empfehlung: „Kinder brauchen Eltern, die mehr oder weniger wissen, was sie wollen.“ So sollten sich Grenzen nicht aus abstrakten Konventionen ergeben, sondern aus persönlichen Bedürfnissen.

Die Jugend verlernt den Blickkontakt

Auch das digitale Zeitalter wird für die Entwicklung des sozialen Verhaltens verantwortlich gemacht. Laut einer Allensbach-Studie verzichten viele junge Menschen als Folge von vermehrtem Smartphone-Gebrauch im persönlichen Gespräch auf Blickkontakt – auch dann, wenn sie gar nicht online sind. Renate Köcher, Meinungsforscherin und Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, sieht in den neuen Medien vor allem eine Spezifizierung des Interessenspektrums: Umwelt, Frieden, Politik, Wirtschaft und Kultur seien weniger wichtig, dafür mehr Eigendarstellung, Musik, Mode. Das Vergessen und Verlernen von Bescheidenheit und Kultur: weitere Anhaltspunkte für die Existenz des Sittenverfalls?

Nicht nur Benimm und Ordnung, sondern auch Respekt und Empathie

Es mag einem als Elternteil schwerfallen, seinen eigenen Erziehungsstil zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Und dem technologischen Fortschritt kann man sich sowieso kaum entziehen. Aber zur Herzensbildung gehören eben nicht nur Benimmregeln und ein guter Ordnungssinn, vielmehr handelt sich um eine ganzheitlich menschliche Komponente. Und erhältlich ist sie für alle: So fördert das Auseinandersetzen mit Menschen verschiedener Kulturen neben der interkulturellen Kompetenz auch Empathie- und Konfliktlösungsfähigkeit, das Vermeiden von Regelverletzungen, die Wertschätzung von Vielfalt und Respekt.

Klassische Möglichkeiten zur Vermittlung von Werten bieten sich unter anderem im Vereinssport, im Theater, in der Musik oder in der Literatur – alle Tätigkeiten regen zur Ausbildung von Empathie durch Kreativität und Fantasie oder durch die Forderung nach teamorientiertem, respektvollem Fairplay an. Beim Sport allerdings sollten die Eltern mit dem Ehrgeiz bei ihren Kindern ruhig etwas geizen, wie hier zu lesen ist.