Abgeschult – wenn Kinder am Gymnasium scheitern

Abgeschult – wenn Kinder am Gymnasium scheitern

Elias hat Probleme in der Schule – und die sind nicht gerade klein. Er kommt im Unterricht nicht mit, versteht den Stoff nur teilweise und um seine Hausaufgaben zu bewältigen, sitzt er meistens bis abends am Schreibtisch. Die Situation ist derart verfahren, dass ein Schulwechsel ansteht. Es ist die Horrorvorstellung seiner Eltern, aber mittlerweile führt kein Weg mehr an einem Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule vorbei.

Oft wird zu lange mit dem Schulwechsel gewartet

Einige Schüler zeigen bereits in der 5. Klasse derartige Defizite, dass ein Schulwechsel fast unausweichlich wird – und können trotzdem meist noch von Glück im Unglück reden. Experten sind sich sicher, dass ein früher Wechsel der Schulform hilfreich sein kann. Viele Schüler und Eltern erkennen die anwachsenden Probleme allerdings zu spät. So wechselt ein Großteil erst in der 9. Klasse auf die nächst niedere Schulart – und das dann meist kurz vor den Abschlussprüfungen.

Davor quälen sich die Jugendlichen mit schwierigen Aufgaben, schlechten Noten und manchmal auch mit der Häme ihrer Mitschüler. Das stellt Lehrer vor große Probleme, denn sie können in großen Klassen auch nicht die Probleme jedes einzelnen Schülers beheben. Dafür fehlt einfach die Zeit. Schlechte Leistungen kratzen vor allem während der Pubertät am Selbstbewusstsein – und in den schlimmsten Fällen kann das Schulangst und Versagensängste zur Folge haben.

Hauptgrund: Fehleinschätzung der Eltern

Oft führen laut Experten Fehleinschätzungen der Eltern zu den ungewollten Schulformwechseln. So auch bei Elias, der eigentlich nur eine Empfehlung für die Realschule bekommen hatte. Schulempfehlungen der Grundschule sind aber in den meisten Bundesländern nicht verbindlich – und werden so von ehrgeizigen Eltern gerne mal beiseitegeschoben, wenn es um die Zukunft der Sprösslinge geht. Denn für viele Mütter und Väter gibt es zum Gymnasium (und dem damit verbundenen Abitur) keine Alternative. Experten warnen jedoch, dass die Entscheidung fürs Gymnasium nichts mit einem Versuch zu tun haben darf. Vielmehr müssten die Schulempfehlungen – und mit ihnen die Feststellung der Eignung eines Schülers für eine bestimmte Schulart – von Eltern ernstgenommen werden.

Realschulen in der Bredouille

Realschulen bringt die hohe Zahl der Schulwechsler in eine missliche Lage. Sie stehen bei vielen Neuankömmlingen vor einer logistischen Mammutaufgabe – und die Lage dürfte sich in den nächsten Jahren kaum entspannen, sollte der Schulboom, der von Experten vorausgesagt wird, tatsächlich kommen. Oft müssen Klassengemeinschaften auseinandergerissen und neue Klassen gebildet werden, um den unerwarteten Zugängen einen Platz zu bieten. Somit müssen sich nicht nur die Wechsler an eine neue Klassengemeinschaft gewöhnen, sondern auch die anderen Schüler sich von den bestehenden (und wahrscheinlich auch liebgewonnenen) Strukturen verabschieden.

Scheitern als Chance

Ein Schulformwechsel oder eine Abschulung, wie es im Beamtendeutsch etwas derber genannt wird, birgt aber auch Chancen – für bessere Noten und für die Psyche. Allerdings muss der Rückschritt erstmal verkraftet werden. Für Lehrer sind diese Situationen eine pädagogische Herausforderung. Sie müssen schlussendlich versuchen, die verunsicherte junge Seele aufzufangen, um sie anschließend langsam wieder an Erfolge heranzuführen.

Elias fühlt sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase tierisch wohl in der Realschule – das schlägt sich auch in seinen Noten nieder. Wenn es so weitergeht und er den Spaß am Lernen beibehält, will er nach seiner Mittleren Reife vielleicht noch einen Versuch mit dem Abi wagen. Sowas ist im deutschen Schulsystem glücklicherweise ja kein Problem. Aber bis dahin gilt es noch einige Prüfungen zu bestehen. Elias fühlt sich auf jeden Fall bereit dafür.