Ab wann können Kinder allein daheim bleiben?

Ab wann können Kinder allein daheim bleiben?

Lückenlose Überwachung im Internet, vollumfängliche Kameraabdeckung überall und Helikoptereltern, die das Kind bis ins Klassenzimmer tragen – wie kann da überhaupt noch etwas passieren? Und wann sind die Kleinen noch allein? Aus einer Generation stammend, die mit sieben Jahren mit Schlüssel um den Hals von der Schule heimkam, sich etwas zum Essen machte und dann ohne Jammern ein Pflaster auf die Schürfwunde klebte, kann man das ja mal fragen.

Trotz des stetigen Ausbaus der Betreuungsangebote für alle Altersklassen fragen sich vor allem alleinerziehende Mütter noch immer: „Wie lassen sich Kind und Karriere miteinander vereinbaren, wenn der passende Betreuungsplatz fehlt?“ Insbesondere ab der Schulzeit bietet sich daher auch heute für viele die klassische Lösung an: das Schlüsselkind. Doch ab wann kann und darf man nun Kinder alleine daheim lassen? Eine Frage, die es spätestens auch zu klären gilt, wenn die Eltern abends mal ausgehen wollen und der Babysitter ausfällt.

Rechtlicher Rahmen

Juristisch bewegt sich die Fragestellung zwischen der Pflicht zur Fürsorge und Kontrolle (§1631 BGB) und dem Recht des Kindes auf eine eigenständige Entwicklung der Persönlichkeit (§1628 BGB). Eine eindeutige Regelung, ab welchem Alter man Kinder für wie lange alleine lassen darf, gibt es jedoch nicht. Vielmehr ist für Juristen die Haftung im Fall eines eintretenden Schadens das Entscheidende. Verletzung der Aufsichtspflicht? Wurden alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen oder lagen Messer, Feuerzeuge etc. offen rum?

Alter und Reife

In einem Urteil von 2009 legt der Bundesgerichtshof (BGH) fest: Je jünger und unvernünftiger ein Kind ist, desto mehr ist erforderlich, dass Eltern es beaufsichtigen müssen (BGH AZ: VI ZR 51/08). Ein Kind bis drei Jahre darf man zudem nie alleine lassen. Ein vierjähriges Kind jedoch kann schon mal zehn Minuten alleine sein – solange die Eltern in Reichweite bleiben. Spätestens mit 14 gibt es schließlich keine Beschränkungen mehr. Dazwischen gilt es jeweils nach der „Eigenart des Charakters“ sowie der „Voraussehbarkeit schädigenden Verhaltens“ abzuwägen und zu urteilen.

Empfehlungen von Erziehern

Eine der aktuell prominenten Leitideen in der Pädagogik ist die des „selbstständigen Kindes“, bei der davon ausgegangen wird, dass Eltern gar nicht mehr wissen können, was die Sprösslinge für die Zukunft benötigen und daher Selbstständigkeit bedingungslos fördern und fordern müssen. In der Regel raten Erzieher allerdings dennoch, Kinder bis acht Jahre lieber nachmittags bei der Oma, Freundin oder Nachbarin unterzubringen. Ebenfalls wird eben empfohlen, die Kleinen unter zehn Jahren nicht jeden Nachmittag der Woche komplett alleine zu lassen.

Was kann mein Kind?

Wichtig ist: nicht überfordern, richtig darauf vorbereiten und über die Situation zu sprechen. Gerne kann man beispielsweise bereits üben, in dem man Grundschülern schon einen Schlüssel mitgibt, obwohl man noch zu Hause ist. Auch alltägliche Aufgaben (wie Essen aufwärmen, eine kleine Wunde versorgen oder einen Imbiss zubereiten) können im Vorfeld bereits geprobt werden. Ebenso ist die Frage zu klären, wie sich Kinder verhalten, wenn das Telefon klingelt oder jemand an der Tür ist.

Spielregeln für Selbstständigkeit

Kommt schließlich der große Tag, an dem das Kind das erste Mal ganz alleine zu Hause ist, sollte die Sorge der Eltern nicht der Kontroll- und Überwachungsverlust sein, sondern die eigene Erreichbarkeit in Notfällen. Denn die wohl wichtigste Spielregel – außer, dass die Daheimgebliebenen sich an gemachte Absprachen halten – ist, dass sie neben den wichtigsten Notfallnummern immer einen verlässlichen Ansprechpartner haben. Eltern sollten in diesem Fall wissen, dass ihr Kinoabend unter Umständen auch abrupt enden kann.

Alternativen

Fühlt sich das Kind doch noch etwas unsicher, gibt es außer einem Hort oder Tagesmüttern noch Alternativen, die nach der Schule zumindest einige Stunden des Alleinseins von der Uhr nehmen. Neben örtlichen Vereinen, Kirchen und Jugendzentren, die gelegentlich mit einer Nachmittagsbetreuung aufwarten, bieten sich auch stundenweise Freizeitaktivitäten am Nachmittag an – in Sportvereinen, Computerclubs oder Musikschulen. Eine praktische Idee sind auch private Netzwerke von Eltern.

Mit dem richtigen Konzept, Geduld und gegenseitigem Vertrauen wird es über die Zeit gelingen, die Selbstständigkeit des Kindes zu fördern – allerspätestens bis zur Pubertät.