Zwei Mann, eine Tasche
Der eine hat's, der andere nicht: Umhängetasche Berlin von Leonhard Heyden

Zwei Mann, eine Tasche

Frauen und ihre Taschen sind ein ewiges Mysterium. Keine kann ohne, aber auch kaum eine kann so richtig mit. Zumindest können die besseren Hälften der Sammlerinnen – die verhinderten Jäger also – so manches Klagelied darüber singen, was nun gerade wieder im mobilen Hausstand verschwunden ist und erst wieder aus den Untiefen der Tasche auftaucht, nachdem stundenlang ganz woanders – nämlich überall! – danach gesucht wurde.

Männer sind anders, ohne jetzt in Mario Barthsche Vergleiche verfallen zu wollen. Viele Herren der Schöpfung glauben tatsächlich, ohne eine Tasche durchs Leben zu kommen. Also in der Welt da draußen, in der Mann mindestens einen Haus- beziehungsweise Autoschlüssel, ein Portemonnaie und ein Smartphone braucht, um irgendwann wieder sicher heim zu gelangen. Hinzu kommen je nach Disposition und Anlass der Außerhäusigkeit noch Zigaretten und Feuerzeug (auch als Nichtraucher in manchen Kontaktaufnahmesituationen ein sinnvolles Utensil), Kondome und Kaugummis, ein Notizblock samt Stift (für Neo-Neandertaler darf es auch ein Tablet sein), je nach Witterung Papiertaschentücher, je nach Saison und Tageszeit Sonnenbrille und Deostift, ein Taschenmesser (sollte jeder anständige Kerl immer griffbereit haben – außer auf Flugreisen) undsoweiterundsofort.

Und wohin damit? Selbst die absolute Notausrüstung mit Schlüssel, Geldbeutel und Handy kann sich schon als lästig, hinderlich, verunstaltend erweisen. Der Schlüsselbund mit großformatigem Talisman lenkt vorne unansehnlich vom eigentlichen Abdruck ab. Das verbeulende Portemonnaie hinten verführt zum Zugriff von Personen, die eher nicht gemeint sind. Und das Smartphone in der Hosentasche ist immer in Gefahr, in den Ich-schalte-mich-jetzt-ab-Modus zu geraten. Weitere Probleme: In der Jackeninnentasche kann sich der mit den Jahren zum Walfisch angewachsene Geldbeutel so im Futter verfangen, dass er in entscheidenden Momenten kaum noch mit einem eleganten Griff herauszubekommen ist. Und je wärmer es wird, desto weniger möchte man doch am Leib haben – außer einer lebensrettenden Tasche vielleicht lässig quer über die Schulter, denn hallo! – wir wollen hier nicht von Detlef reden, der ewig gestrigen Herrenhandgelenktasche. Und niemand zwingt einen Mann, mit einem Clutch-ähnlichen Teil unter der Achsel durch die Gegend zu stapfen.

Als passionierter Rechtstaschenträger kenne ich die Transportprobleme nur von anderen – wenn sie dann doch zu meinen werden. Ein alter Freund von mir nutzt jede Gelegenheit, in der wir zusammen unterwegs ins Konzert, ins Restaurant, in den Club sind und spätestens an irgendeiner Garderobe, an der Mann sich von seiner Jacke befreien will, mir seine nötigsten Utensilien zu übergeben, damit ich ihnen in meiner Tasche vorübergehend Asyl gewähre. Es handelt sich zwar nur um ein Portemonnaie und einen Schlüsselbund – sein Handy gehört aus Gründen der Diskretion vielleicht nicht dazu –, aber allein das ist schon ein enormer Ballast für mich, wobei ich nicht mal von der Verantwortung spreche. Der Geldbeutel ist so dick, dass er sich kaum zuklappen lässt, und am Schlüsselbund hängt nicht nur der fürs Auto und das Haus, sondern wohl auch der für seine Praxis, sein Ferienhaus, das Haus seiner Mutter und was weiß ich noch für Zweit- und Drittwohnungen oder Liebesnester und Schließfächer. Ich bin natürlich so freundlich, ihm nicht den Abend zu verderben, nehme alle Last auf mich … leiste mir aber manchmal das Vergnügen, ihn auf einen Drink einzuladen – mit seinem Geld.

Vielleicht werde ich ihm eines Tages mal sagen, was in all den Jahren so zusammengekommen ist und was für eine schöne Tasche er sich dafür längst hätte kaufen können. Notfalls schenke ich ihm eine – und dann fangen wir noch einmal ganz von vorne an.

Vielleicht damit.