Zurück auf den Teppich kommen
Businesstasche: Leonhard Heyden

Zurück auf den Teppich kommen

Teppiche haben ein schlechtes Image. In Hotelzimmern meidet man sie eher, weil man nie weiß, was die Vorgänger alles unsichtbar hinterlassen haben. Und in den eigenen vier Wänden dienen sie zwar als Fußwärmer und Schallisolierer – leiden aber mit der Zeit mehr als man selbst, wenn man sich und die Gäste nicht ständig zwingt, die Schuhe auszuziehen.

Dabei stehen Teppiche doch eigentlich für Stil, Luxus und einen gesteigerten Wohnkomfort – und sind ein uraltes Statussymbol. Selbst am wohl ältesten Teppich der Welt, der 1947 im Altai-Gebirge im Eis eingefroren entdeckt wurde, lässt sich anhand des Musters herauslesen, wie viel Arbeit und Liebe zum Detail schon darin steckte. Im Mittleren und Nahen Osten waren Teppiche sogar der wichtigste Besitz einer Familie. Die ersten Exemplare brachte Alexander der Große im 3. Jahrhundert vor Christus von seinen Eroberungen aus Persien nach Europa. Im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts waren Teppiche tres chic, sogar an der Wand – wie zum Beispiel Gobelins. Bildwirkerei und Tapisserie erlebt ihre Blütezeit.

Holz und Kunststoff auf dem Vormarsch

Und heute? Ist der Teppich eher auf dem Rückzug, obwohl jahrzehntelang zumindest für Lieschen Müller als Bodenbelag kaum etwas anderes in Frage kam. Aber schon zu Beginn unseres Jahrzehnts schlugen Statistiker und vor allem wohl auch Hersteller Alarm: „Immer weniger wollen auf dem Teppich bleiben.“ Vom Gesamtwert fielen bereits 2010 mehr als die Hälfte der produzierten Bodenbeläge (50,2 %) auf Holz, also vor allem Dielen, Laminat und Parkett, und nur noch 20,9 % auf Teppiche. 2013 ist der Anteil weiter gesunken auf 18 %. Schon damals rückten allerdings auch immer mehr Kunststoffbeläge nach oben (17 %), von 2014 auf 2015 stiegen die Erlöse mit diesen sogenannten Design-/Vinylbelägen sogar noch einmal um 14 %.

Aber wie es scheint, ist der gute alte Teppich so langsam wieder auf dem Vormarsch, wenn auch nicht als komplette Auslegware, aber dank Bildwirkerei als Kunst- beziehungsweise Raumobjekt, gerne auch mit 3D-Effekten. Das legt man dann auf den Grundbelag aus Holz oder Kunststoff drauf, kann so gestalterische Akzente setzen – und wenn man sich eines Tages satt gesehen hat, muss man nicht alles rausreißen, sondern den Designerteppich einfach nur austauschen.

Landschaften und ganze Galaxien

Beispiele gefällig? Dank des Bochumer Teppichdesigners Jan Kath kann man sich gleich eine ganze Galaxie in die eigenen vier Wände holen. Für eine plastische und dreidimensionale Bodenästhetik sorgen 3D-Teppiche wie die von Stepevi aus der Terra-Kollektion. Landschaften, über die man das Auge immer wieder schweifen lassen kann, macht die argentinische Künstlerin Alexandra Kehayoglou. Sie webt Teppiche, die so wirken, als wären echte Moos- und Wiesenstücke eingearbeitet. Wie man am Namen schon erahnen kann: Alexandra Kehayoglous Familie stammt aus der Türkei. Ihre Großeltern wanderten nach Argentinien aus und gründeten mit der Firma El Espartano einen der größten Teppichhersteller des Landes.


Von Tieren und Menschen  

Auch das Berliner Teppich-Label Rug Star nutzt den Boden als Leinwand für künstlerische Ideen: von abstrakt und schlicht über floral bis hin zu orientalisch. Die Motive sind sehr unterschiedlich, haben aber alle eines gemeinsam: Man hat das Gefühl, als betrachte man ein Kunstwerk im Museum. Wer Tiere liebt, wird bei der Kollektion Paradise fündig, moderne Kunst und Pop Art gibt es auch. Eher freizügige Teppichkunst hat das New Yorker Designer-Duo Cold Picnic zu bieten. Besonders die Kollektion private parts ist zweifelsohne ein Hingucker, ein hübscher Gag, aber auch einer, der schnell verpufft. Denn vermutlich hat man recht bald genug gesehen von der minimalistisch und plakativ zur Schau gestellten Intimsphäre, die man in guten Beziehungen sowieso tagtäglich vor Augen hat, oder?