„Wir sind die Bestimmer!“

„Wir sind die Bestimmer!“

Welches Auto kaufen wir? Wohin in den Urlaub? Und was haben wir im Kühlschrank? Viele Entscheidungen trifft die Familie gemeinsam. Und oft sind es die Kinder, die den Ausschlag für oder gegen etwas geben.

Erfahrene Autoverkäufer wissen das schon lange – die Kleinen bekommen vor der elterlichen Probefahrt eine eigene Verkaufsshow: Die Fondtüren werden dienstbar geöffnet, der Stauraum für Kekse, Getränke und Spielsachen wird ebenso gepriesen wie Lüftung und Unterhaltungselektronik, die auch von der Rücksitzbank aus gesteuert werden können. Gute Verkäufer wissen: Kleine Kunden sind die Könige von morgen. Und wenn Kinder nörgeln, haben Eltern nichts zu lachen.

Gleiches gilt für neue Möbel, Computer, TV-Gerät und vieles mehr. Schließlich haben viele Kinder tatsächlich Kompetenz in Form von Marken- und Produktwissen. Sie schauen mehr fern, kennen die neusten Trends und sind offener für Werbung. Um ein Vielfaches mehr entscheiden Kinder über die Produkte, die sie selbst benutzen – bevorzugt werden Marken, die extra für das junge Publikum gemacht sind. Neu ist die Erkenntnis nicht: Schon vor zehn Jahren hat der Egmont Ehapa Verlag festgestellt, dass zwei von drei Kindern eine eigene Zahnpasta benutzen und dieser Marke treu sind – beim Shampoo jedes zweite Kind. Ähnlich entschieden sind Kinder beim Essen. Und laut „Kids-Verbraucheranalyse 2013“ verfügen neun von zehn Kindern alleine über ihr Taschengeld, suchen aus, was sie lesen, bestimmen mit, was im Kühlschrank landet. Jedes zweite entscheidet, von welcher Marke Schuhe, Hose oder Jacke sind.

Fragt man Kinder, haben sie meist alles voll im Griff, wissen Bescheid und verblüffen mit bisweilen erstaunlicher Sachkenntnis. Aber die Wahl der Zahnpasta ist eben etwas anderes als die Wahl der Freunde oder das Verbot bestimmter Computerspiele. Zwischen Erziehung zur Selbständigkeit und Fürsorgepflicht sind viele Eltern unsicher, was sie Ihrem Kind wirklich zutrauen und erlauben können. Entwicklungsphasen lasen sich grob unterteilen:

Bis 4 Jahre
Kinder dieser Altersstufe können keine Entscheidung gegen etwas treffen. Sie sind nicht fähig, Konsequenzen zu erkennen und Folgen abzuwägen. Ist es draußen kalt, muss man ihnen die eine oder die andere Mütze anbieten, nicht aber fragen, ob sie vielleicht eine Mütze anziehen wollen, weil es draußen doch kalt ist.

Bis 6 Jahre
Schwimmbad oder Bolzplatz? Zwischen 4 und 6 Jahren sind Kinder in der Lage, sich zwischen zwei Optionen für eine zu entscheiden. Sie entscheiden nach konkreten Gesichtspunkten – so haben sie beim Schulranzenkauf beispielsweise klare Farb- und Motivvorstellungen, Kriterien wie Ergonomie, Qualität und Sicherheit sind für sie aber eher abstrakt und damit kaum wichtig. In solchen Fällen hilft nur Geduld. Erklären Sie dem Kind Varianten und Möglichkeiten, diskutieren Sie über Vor- und Nachteile. Im Zweifelsfall lassen sie sich gemeinsam vom Fachhändler beraten.

Bis 10 Jahre
In diesem Alter haben Kinder bereits eine Vorstellung von Zukunft und beginnen über den Moment hinaus zu planen – sei es bei der Gestaltung des Kinderzimmers oder dem nächsten Urlaub. Wichtige Entscheidungen, etwa die Wahl der weiterführenden Schule, müssen Eltern weiterhin intensiv begleiten – denn in diesem Alter orientieren sich Kinder noch eher an den Vorlieben ihrer Freunde als an vernünftigen eigenen Zielen.

Bis 14 Jahre
Kinder können jetzt größere Zusammenhänge erfassen, logisch denken und Argumente abwägen – und werden immer souveräner bei Entscheidungen. Ihre Kompetenz trainieren sie auch im Familienrat, wo gemeinsame und von allen akzeptierte Entscheidungen getroffen werden.

Ab 14 Jahren
Jugendliche dürfen nun in allen sie betreffenden Lebensbereichen Entscheidungen treffen: von Kleidung und Frisur über das erste Piercing oder den ersten Sekt auf einer Party. Dennoch bleiben einige nicht verhandelbare Regeln – ob das nun Ausgehzeiten, Alkoholkonsum oder größere Kaufentscheidungen vom eigenen Geld sind. Dass darüber ausgiebig (und auch kontrovers) diskutiert wird, fördert das Verhandlungsgeschick aller Familienmitglieder – eine klassische Win-Win-Situation.

Bei aller Vernunft ist dennoch nicht jedes Problem mit einem Kompromiss zu lösen. Ob renitentes Quengeln im Spielzeugladen oder der Streit um grüne Haare: Eltern haben letztlich die Verantwortung. Und dazu gehört eben auch, Entscheidungen gegen Widerstände zu fällen und durchzusetzen. Andernfalls droht die Diktatur der Gummibärchen und Barbiepuppen.