WG mit den Eltern – wenn Kinder wieder zu Hause einziehen

WG mit den Eltern – wenn Kinder wieder zu Hause einziehen

Da hat man sich als Elternteil schon lange an die Zweisamkeit mit dem Ehepartner gewöhnt, sich neue Hobbys gesucht und dafür sogar das ehemalige Kinderzimmer zu einem Arbeits- oder Hobbyraum umgestaltet – und aus heiterem Himmel steht der ausgewachsene Sohnemann mit gepackten Koffern vor der Tür und möchte wieder einziehen. Ein Stresstest für Eltern und Kind.

Bumerang-Effekt und Nesthockertum

Einmal in die Weite hinausgeschossen, dreht er prompt wieder um: Als Bumerang-Effekt wird das Phänomen beschrieben, wenn erwachsene Kinder irgendwann wieder ins elterliche Nest zurückkehren. Die Gründe dafür sind vielseitig: Sowohl soziale als auch finanzielle Probleme sowie Trennungen oder Arbeitslosigkeit locken die einst flügge gewordenen Kinder wieder ins Elternhaus. Klingt zunächst recht dysfunktional – muss aber nicht sein. Sagt auch die Psychologin Claudia Rupp: „Wenn junge Menschen zu ihren Eltern zurückziehen, dann muss das nicht unbedingt negativ sein. Unter einem Dach zu wohnen, bedeutet nicht, die Selbstständigkeit aufzugeben. Wichtig ist aber, dass die Eltern ihre Kinder selbst entscheiden lassen.“

Die Anzahl der „Boomerang Kids“, wie sie in Amerika genannt werden, steigt. Laut einer Studie des renommierten Forschungsinstitutes Pew Research markierte 2014 das Jahr, in dem in Amerika erstmals seit 130 Jahren mehr junge Erwachsene zwischen 18 und 34 bei ihren Eltern wohnten als mit Partnern in eigenen Haushalten. Eine neue „Bindungsschwäche“ sei einer der wichtigsten Gründe für das wachsende Nesthockertum: Die jungen Leute heiraten insgesamt weniger und später, viele würden sogar für immer ohne Partner bleiben und in keiner festen Beziehung leben. Dadurch bleibt das Elternhaus länger interessant – sowohl finanziell als auch emotional: Mietvertrag, Möbel und Auto fallen weg, elterliche Fürsorge und Liebe kommen hinzu. Auch die Eltern profitieren: Die Kinder können den einen oder anderen Haushalts-Job übernehmen, entlasten somit die Eltern und machen sie dazu weniger einsam. Anders als früher habe sich zudem die Natur der Beziehung zwischen Eltern und Kindern verändert: Antiautoritäre Beziehungen sorgen für eine stabilere Bindung und man versteht sich länger gut.

Eine WG mit Mama und Papa

Ehemalige Studierende werden das WG-Leben kennen – auch wenn sie vielleicht froh sind, dass diese Zeit überstanden ist. Bei Mama und Papa als Mitbewohner ist zumindest die Vertrautheit da. Unangenehme Hygiene-Überraschungen sind auch nicht zu befürchten, hat doch die liebe Mama schon das halbe Leben hinter einem hergeräumt. Und Kochen kann sie auch noch ganz ordentlich …

Spaß beiseite: Wenn der große Kleine die Mama wirklich nur als Hotel sieht – Stichworte Putzen, Waschen, Kochen –, verschieben sich die Verhältnisse natürlich einseitig und ungünstig. Ansonsten spricht bei genügend Akzeptanz und Freiraum nichts gegen das Zusammenleben von Eltern und erwachsenem Kind. Mögliches Konfliktpotenzial entsteht erst, wenn Eltern das neue, unabhängige Rollenverständnis des ausgewachsenen Kindes zu Hause nicht annehmen können und wieder in die alte Rolle des Erziehungsberechtigten fallen.

Oder doch lieber nicht?

Und wenn die Eltern nach all den Jahren an Zweisamkeit oder Einsamkeit gar nicht mehr mit dem Kind zusammenleben wollen? – „Völlig legitim“ laut Daniela Melona, Leiterin einer Elternberatung in der Schweiz. „Nur weil es das eigene Kind ist, ist man nicht verpflichtet, es wieder aufzunehmen. Es muss für alle Beteiligten stimmen.“ Anstatt einer Bleibe könnten Eltern auch Hilfe bei der Stellen- und Wohnungssuche anbieten.

Die Rückkehr ins Elternhaus muss also per se nichts Schlechtes sein. Und für den Check-In beim Hotel Mama darf der passende Koffer natürlich nicht fehlen.