Wenn’s mal wieder länger dauert

Wenn’s mal wieder länger dauert

Vorfreude ist die schönste Freude. Das denken sich wohl auch einige Gastronomen und lassen den Gast warten und warten und warten: bis er endlich bestellen kann, bis das Essen und schließlich die Rechnung kommt. Muss man sich das alles gefallen lassen? Nein, meinen die Gerichte, die in solchen Angelegenheiten Urteile gefällt haben, an denen man sich orientieren kann.

  • Wenn das Essen nach 30 Minuten nicht auf dem Tisch ist und man mindestens einmal laut danach gefragt hat, kann man einfach gehen.
  • Wenn die Rechnung nach 30 Minuten nicht kommt, kann man auch gehen. Allerdings: Man sollte dreimal am besten unter Zeugen danach gefragt haben – diese Legende ist tatsächlich wahr. Zahlen muss man später trotzdem, denn man muss seine Adresse hinterlassen, um nicht als Zechpreller zu gelten.

Wir sehen: So richtig viel hat man als Gast von der Warterei nicht, denn im ersten Fall muss man dann irgendwo anders seinen Appetit stillen, im zweiten Fall trotzdem zahlen. Immerhin: Wer zu lange auf sein Essen warten muss und bleibt, kann eventuell etwas von der Rechnung abziehen, haben etwa das Landgericht Karlsruhe und das Amtsgericht Hamburg entschieden. Das können nach einer guten halben Stunde schon 30 Prozent für ein „einfaches Mahl“ sein, bei einem „aufwendigen Menü“ muss man deutlich mehr Zeit investieren, etwa anderthalb Stunden, um 20 bis 30 Prozent abzuziehen. Am kürzesten ist die Wartezeit bei Getränken: Nach 20 Minuten dürfe man die Rechnung um 20 bis 30 Prozent kürzen.

Einen Aperitif, um die Wartezeit zu verkürzen?

Apropos Getränke: das ist ein beliebter Trick der Gastronomen, die gefühlte Wartezeit auf alles Folgende zu verkürzen und gleichzeitig noch ordentlich Kohle zu machen. Mit dem Aperitif, der einem je gehobener das Haus, desto selbstverständlicher als Geste „angeboten“ wird. Einen Winzersekt? Einen Hauscocktail? Oder vielleicht doch ein Gläschen Dom Pérignon? (Für 30 Euro.) Ja, das kann einem zumindest im Sternerestaurant passieren. Aber da man als Restaurantkritiker an die Spesenrechnung mindestens so sehr denkt wie als privater Gast an die eigene Rechnung, lehnen wir den Aperitif grundsätzlich ab und bestellen „schon mal“ eine Flasche stilles Wasser.

Was sonst kann man als Profi von der Warterei berichten? Viel. Bei allem Spaß an der Freud am Beruf kann man gar nicht sagen, wieviel Lebenszeit man im Restaurant schon vergeudet hat. Zwischen den Gängen besonders in den besten Häusern, wenngleich man sich da mit Grüßen aus der Küche, Sorbets und Pre-Desserts bemüht, die insgesamt viereinhalb Stunden so dicht wie möglich zu takten. Am liebsten machen wir solche Spitzentermine also mittags, wenn es ein adäquates Angebot gibt, und hatten zum Beispiel schon ein Super-Sterne-Viergangmenü in weniger als zwei Stunden. Geht doch!

Mieser Trick: einen Espresso und die Rechnung, bitte!

Am ärgerlichsten ist für uns aber das Warten auf die Rechnung, wenn man mit allem durch ist, nichts mehr zu erwarten hat und endlich gehen möchte. Und wir werden nicht müde, einen alten Beschleunigungstrick zu versuchen – der so gut wie nie funktioniert, weil die meisten Servicekräfte einfach zu doof sind. „Einen Espresso und die Rechnung, bitte“ fordern wir beharrlich in dieser Reihenfolge, weil es sich umgekehrt so anhören könnte, als solle der Espresso aufs Haus gehen – wenngleich dies die kostengeringste freundliche Geste des Gastgebers sein könnte. Aber was sollen wir sagen? In 99 Prozent aller Fälle kommt erst der Espresso – und nach weiteren zehn Minuten Wartezeit dann die Rechnung! Aufgestanden ohne zu zahlen sind wir jedenfalls noch nie – vermutlich auch, weil wir auf die Rechnung angewiesen sind.

Aber einmal sind wir sogar aufgestanden, ohne zu bestellen, nein, wir haben nicht einmal Platz genommen bei unserem kürzesten Restauranttest aller Zeiten. Schon beim Betreten des gut besuchten Ristorante waren uns im Außenbereich irritiert dreinblickende Gäste aufgefallen. Wir hatten nicht reserviert, denn es hätte einer unserer gefürchteten Spontanbesuche sein sollen, und fragten den Kellner hinter der Bar nach der Lage. Der konnte nur herausstottern, dass der Koch gerade gekündigt und das Haus fluchtartig verlassen habe, mitten im Hochbetrieb. Ob er wohl zu lange auf eine Bestellung hatte warten müssen?