Wenn Kinder zum Benimmkurs müssen
Gutes Benehmen ist mit Sicherheit nie fehl am Platz. Aber müssen deshalb bereits Kinder zum Knigge-Seminar?

Wenn Kinder zum Benimmkurs müssen

Deutsch und Englisch fließend und das Business-Chinesisch wird auch immer besser. Aber genügt das, damit sich ein Kind in der Erfolgspur des Lebens befindet? Sicher ist: Die Konkurrenz schläft nicht! Alles geht immer besser.

Zu den neuesten Optimierungsmaßnahmen für die Kleinen zählen Knigge-Seminare speziell für Schüler. Denn wenn der Sprössling erst den Milliarden Euro schweren Weltkonzern leitet, kann er sich nicht mehr so mit der Spaghettisoße besudeln.

3-Gänge-Menü mit Ginger-Ale-Begleitung

Ursprünglich verfasste Adolph Freiherr Knigge sein Buch „Über den Umgang mit Menschen“ als schon beinah soziologische Aufklärungsschrift für Höflichkeit und Taktgefühl, die einem Enttäuschungen durch falsches Verhalten im Alltag ersparen sollte. Nach seinem Tod wurde daraus ein Werk, das jede Dekade mit aktualisierten Benimmregeln und zeitgemäßen Kleiderordnungen veröffentlicht wird.

Wie nutze ich die Serviette? (Man legt sie auf den Schoß.) Wer sitzt wo? (Verlobte immer, Verheiratete nie zusammen platzieren. Der Gastgeber sitzt immer in der Mitte, damit alle etwas von ihm haben.) Warum immer ein Herr neben einer Dame? (Damit sich der Herr um das „Wohlergehen“ der Dame zu seiner Rechten kümmern kann.) Und die wahrscheinlich wichtigste Lektion für Schüler: Wie trinkt man stilsicher Wein? (im Seminar wird zum 3-Gänge-Menü natürlich Ginger Ale serviert.) All das lernen die jungen Teilnehmer, bevor sie das Eingeübte beim gemeinsamen Essen anwenden und abspulen dürfen.

Personaler klagen seit Jahren

Manchem mögen diese tatsächlich in vielen Städten angebotenen Seminare sinnvoll erscheinen: Einen Nachmittag lang lernen dort beispielsweise Viertklässler von zertifiziertem Fachpersonal die Benimmregeln des Freiherrn und erfahren, wie sie sich in Gesellschaft und bei Tisch zu benehmen haben. So müssen Personaler hoffentlich in Zukunft nicht mehr über schlechte Umgangsformen im Vorstellungsgespräch klagen.

Offen bleibt indes die Frage, warum die Kinder überhaupt zu einem Seminar müssen und das gute Benehmen nicht am heimischen Tisch von den Eltern anerzogen bekommen. Selbst wenn das Mittagessen unter der Woche in der Schule eingenommen wird, so bietet sich doch am Wochenende noch ausreichend Gelegenheit für die wichtigen Lektionen. Oder fehlt in der guten Kinderstube gar bereits selbige? Wären dann Seminare für die ganze Familie nicht viel ratsamer?

Gutes Benehmen zahlt sich aus

Im schönen Padua zahlt sich übrigens das artige Betragen von Kindern in barer Münze aus. Zumindest im Restaurant von Antonio Ferrari erhalten Eltern einen Rabatt, wenn die Kinder nicht schreien oder durch die Pizzeria rennen und es vermeiden, die Toilette zu überschwemmen. Für den Knigge-gestählten Nachwuchs sollte das doch ein Leichtes sein.