Vom Erlebnis-Sport zum Ergebnis-Sport

Vom Erlebnis-Sport zum Ergebnis-Sport

Durch Hausaufgabendruck und Lernstress in der Schule raucht so mancher Kopf, da bietet der Vereinssport doch eigentlich die Möglichkeit, sich einfach mal auszupowern und Spaß zu haben. Nicht ganz: Eltern mit übertrieben hohen Erwartungen verwandeln auch diese Freizeit-Option schnell in einen Stressfaktor mit Konsequenzen – nicht nur für das Kind.

Sport im Verein: seit 1811 beliebt

Der Vereinssport hat in Deutschland schon lange Tradition: Friedrich Ludwig Jahn (auch „Turnvater Jahn“ genannt) hat als Pädagoge die deutsche Turnbewegung initiiert. 1811 gründete er den ältesten Sportverein Deutschlands – den öffentlichen Turnplatz TSV Friedland im Berliner Volkspark Hasenheide. Damals noch waren Sport und Bewegung vor allem ein Mittel, um preußische Soldaten zu ertüchtigen. Heute geht es bei Kindern und Jugendlichen im Verein weniger um militärischen Drill. Was aber leider zunimmt: der Druck gewinnen zu müssen – und das als Impuls von den eigenen Eltern.

Sportveranstaltungen und Helikopter-Eltern

Sie wachen ständig über ihre Sprösslinge, kreisen um sie herum wie ein Hubschrauber: Helikopter-Eltern werden von den Sportveranstaltungen ihrer Kinder magisch angezogen. Beim Sport kann man sich den Wettkampf des Nachwuchses gut mitansehen und sich als Elternteil gleich selbst engagieren – als Trainer, Förderer, Manager und Betreuer zugleich. Der Juniormarathon 2016 im österreichischen Linz verbildlicht den verstörenden Perfektionismuswahn von Mama und Papa gut: Einige Eltern zogen ihre heulenden drei- bis vierjährigen Sprösslinge in Eifer und Euphorie die letzten Meter über die Ziellinie.

Gewinnen um jeden Preis

Auch sonst kann es schon mal rabiater zugehen: Am Rande eines Fußballturniers mit Acht- und Neunjährigen kam es im schwäbischen Holzmaden unter Eltern zu Keilereien mit Flaschen und Fäusten, die erst die Polizei stoppen konnte. Wüste Beschimpfungen an den Schiri oder eine Androhung von Prügel bei der Bekanntgabe von Sanktionen für das Kind sind längst keine Einzelfälle mehr. Martin Hägele, Kinderfußballexperte, meint dazu: „Junge Schiedsrichter verlieren unter diesen Umständen schnell die Lust.“ Nach jedem Spieltag würden sich die Beschwerden über Spieler, Zuschauer und Unparteiische türmen, und es würde immer schwieriger, Leute fürs Ehrenamt zu finden. Hägeles Einschätzung: „Viele Eltern haben den Erwachsenensport im Kopf. Sie sind rein ergebnisorientiert.“ Obwohl es den Kindern doch in erster Linie nicht um das Gewinnen, sondern um den Sport, die Bewegung, den Spaß mit Freunden geht.

Verein und Werte leiden

Auch die Werte des Sports leiden unter dem immer stärker werdenden Leistungsdruck, den Eltern auf ihre Kinder ausüben. Respekt und Fairplay nehmen ab, Verstöße und Beleidigungen gelten bei jungen Sportlern als Kavaliersdelikt. Dem Gegner beim Handball auf die Zehen zu treten oder beim Fußball heimlich am Trikot zerren und Freistöße schinden – bei jeder Sportart häufen sich die Regelverstöße und führen eventuell zum Vereinsaustritt. Zahlen zumindest zeigen, dass zwischen 60 und 70 % der Kinder auf dem Weg ins Aktivenalter frühzeitig wieder aussteigen. 2016 waren 300 Nachwuchsteams weniger am Ball als 2015.

Spielen lassen!

Das müsste nicht sein, wenn Fußball-Papas und Tennis-Mamas sich etwas mehr zurücknehmen und ihre Zöglinge einfach mal toben lassen würden. Maßnahmen, die falschem Elternehrgeiz entgegenwirken sollen, gibt es bereits. Bei der „Fair-Play-Liga“ oder an „Bambini-Spieltagen“ gibt’s elternfreie Zonen am Spielfeldrand und einen Verhaltenskodex für Trainer und Zuschauer. Ganz ohne Schiedsrichter und Tabelle – der Trainer wirkt nur als Helfer und Betreuer. In Bewegungszonen darf außerdem hemmungslos geturnt, gehüpft und getobt werden, frei von Verpflichtungen und Anweisungen – so wie ein Kind es eben am liebsten hat.