Streit um die Zeit
Wenn die Zeitumstellung abgeschafft wird, gehen in der EU wahrscheinlich viele Uhren anders.

Streit um die Zeit

Warum das Ende der Zeitumstellung auf sich warten lassen wird.

Nach einer EU-weiten Umfrage hat die EU-Kommission im August 2018 vorgeschlagen, den halbjährlichen Wechsel von Sommer- und Winterzeit schon im nächsten Jahr zu beenden. Das Ergebnis der Umfrage lautet: In 26 von 29 Mitgliedstaaten gibt es offenbar eine deutliche Mehrheit für ein Ende der Zeitumstellung: 84 Prozent der abgegebenen Stimmen sind für ein Ende der Zeitumstellung und die dauerhafte Sommerzeit. Doch die Beteiligung war so niedrig, dass man aus den Zahlen nur mit Sicherheit sagen kann: Das Interesse am Thema ist gering oder von der Umfrage hat kaum wer was gewusst. Die meisten Stimmen kamen aus Deutschland, knapp 3,8 Prozent haben bei der Umfrage mitgemacht. In Österreich waren es weniger als 3 Prozent der Bevölkerung, in Luxemburg 1,8 Prozent. In allen übrigen Ländern lag die Quote unter einem Prozent, in Italien und Rumänien bei 0,04 Prozent und Schlusslicht war das Vereinigte Königreich mit 0,02 Prozent. Die Auftraggeber sprechen dennoch von einer Rekord-Beteiligung und haben die Mitgliedsstaaten umgehend aufgefordert, bis Ende März 2019 nach Brüssel zu melden, wie sie sich das Ende der Zeitumstellung vorstellen. Doch diese schlichte Aufforderung birgt eine Menge Stoff für Zoff.

Teuer erkaufte Sparmaßnahme

Die Idee, die Zeit zweimal im Jahr umzustellen, hatte man schon im Deutschen Reich vor mehr als einhundert Jahren umgesetzt. Um während des Ersten Weltkrieges Strom und Gas zu sparen, wurde ab 1916 in den Sommermonaten der Tagesablauf per Gesetz nach vorne verschoben. Die Maßnahme war von Anfang an unbeliebt, brachte wenig und änderte auch nichts am Verlauf des Krieges. 1919 wurde die Zeitumstellung wieder eingestampft. Tot war sie damit nicht. Denn immer, wenn irgendwo schnell Energie gespart werden musste, wurde die Sommerzeit wiederbelebt und regelmäßig wieder abgeschafft. Mit der Ölkrise der 1970er Jahre schaffte sie allerdings ihr bislang größtes Comeback, in der Europäischen Union ist sie seit 1996 fest verankert – insbesondere mit ihren vielen Nachteilen. Der einstündige Gewinn von mehr Sonnenlicht hat keinen nennenswerten Energiespareffekt, darin sind sich Experten einig. Und ebenso gewiss ist, dass jede Zeitumstellung den Biorhythmus von Menschen und Tieren stört, die Änderungen von Fahrplänen, Buchungssystemen und Uhren nerven und kosten viel Geld. (Wie sehr Körper und Uhrzeit gekoppelt sind, lesen Sie hier.)

Eine Zeit für alle. Aber welche?

Sie abzuschaffen ist sinnvoll und mehrheitlich gewollt, doch der Weg dahin ist kompliziert. Einfach irgendwann bei der anscheinend beliebteren Sommerzeit zu bleiben, ist umstritten. Gilt sie ganzjährig, kann man zwar die Sommerabende länger im Hellen verbringen, aber insgesamt muss man öfter bei Dunkelheit aufstehen – was viele nicht mögen oder gar können. Manche Schlafforscher warnen sogar mit schwerwiegenden Folgen für die Europäer wie dauerhafte Schlafstörungen, eingeschränkte Konzentrations- und Lernfähigkeit und die Zunahme von Diabetes. Weil sich unsere innere Uhr nicht vollständig von Hell- und Dunkelphasen abkoppeln kann, leiden wir unter dem unnatürlichen Diktat der Sommer- oder Winterzeit. Statt die Uhren umzustellen, gibt es auch den Vorschlag, besser die Schul- und Arbeitszeiten anzupassen, also flexibler zu machen. Doch diese Diskussionen überlässt die EU-Kommission ebenso den Mitgliedsstaaten wie die Frage nach der zukünftigen Zugehörigkeit zu einer Zeitzone. Von denen gibt es in Europa sieben mit bis zu vier Stunden Unterschied. Von Polen bis Spanien ticken die Uhren noch nach Mitteleuropäischer Zeit. Und in Zukunft? Es ist denkbar, dass dann bei jeder Fahrt von Deutschland über Frankreich nach Spanien zweimal die Uhrzeit korrigiert werden muss.

Der Schnellschuss geht nach hinten los

Sowohl die Online-Umfrage als auch die Aufforderung an die einzelnen Länder waren schlecht vorbereitet, kritisieren Politiker, Mediziner und andere Fachleute. Die Bürger waren nicht über die möglichen Folgen informiert worden, jedes Land muss nun (theoretisch) alle seine Nachbarländer nach deren Vorstellungen fragen – europäische Einheit ist nicht in Sicht. Dass jedes Land bis Ende März 2019 weiß, wie die Uhr ticken soll, ist deshalb unwahrscheinlich und der sogenannte Cloxit dürfte sich noch Jahre hinziehen. Dass die EU-Kommission besser erst einen Lösungsansatz hätte entwickeln sollen statt alle Mitgliedsländer einzeln auf die Suche zu schicken, hätte das Verfahren vielleicht verkürzt. Doch danach gefragt, schweigt Brüssel.