Seltene Vornamen – ist ausgefallen immer besser?
Die Qual der Namenwahl: Ungefähr 100.000 Vornamen sind nach Schätzung der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Deutschland im Umlauf.

Seltene Vornamen – ist ausgefallen immer besser?

Die Qual der Namenwahl. Eine abendfüllende Beschäftigungstherapie mit hohem Streitpotenzial, die potenzielle Eltern oftmals schon schier in den Wahnsinn treibt, bevor überhaupt an eine Schwangerschaft gedacht wird. Vielleicht auch zu recht: Die Wahl dieses lebenslangen Begleiters für den eigenen Sprössling sollte man ja nicht auf die leichte Schulter nehmen. Es gibt immerhin auch so viel zu beachten: Welche Namen sind gerade in Mode? Welche passen zum Nachnamen? Welche lassen sich einfach tanzen? Ein schweres Unterfangen. In 2018 landeten übrigens Emma und Ben ganz vorne im Ranking. Modern, kurz, prägnant. Das passt.

Aber auch ein paar „angestaubte“ Namen erfuhren in den letzten Jahren eine Verjüngungskur und liegen nach wie vor im Trend. Und so finden sich in den Top-Zwanzig auch Vornamen wie Mathilda oder Theo wieder – und gesellen sich zu ungefähr 100.000 anderen Vornamen, die nach Schätzung der Gesellschaft für Deutsche Sprache derzeit in Deutschland im Umlauf sind. So viele wie nie zuvor. Das liegt mitunter daran, dass immer mehr Eltern sich für exotische Vornamen entscheiden – und dabei scheint manchmal egal zu sein, ob zum Wohl oder Wehe des Kindes.

Der Trend ist eindeutig

Es soll halt auch ein bisschen Individualität in der Namensgebung mitschwingen – und so machen es sich manche Eltern zur Aufgabe – ach, wer redet denn hier von Aufgabe? Es ist ein richtiger Sport –, Namen zu finden, auf die andere im Leben nicht gekommen wären. Ganz nach dem Motto: schaut uns an, wie kreativ und weltgewandt wir sind. Die Bekanntgabe des Namens als Triumphzug – und das jedes Mal, wenn jemand danach fragt. Da verwundert es kaum, dass sich Eltern teilweise sogar überlegen, den Namen suchmaschinenoptimiert zu wählen. Vorbei die Suche auf Google nach Stefanie Müller. Der Trend geht in Richtung Argiro-Coralie – wahre Profis punkten zusätzlich mit doppeltem Nachnamen.

Ob Kinder das überhaupt möchten? Aber die kann man ja nicht fragen – und so wird es wohl passieren, dass man in naher Zukunft Namen wie Adermann, Mikado, Speedy oder Sundance öfter zu hören bekommt. Eventuell dann auch in Doppelform wie Jonas-Mustafa oder Latoya-Samira.

Kritik von Expertenseite

Der Hype wird auch kritisch beäugt: Experten warnen vor zu experimentellen Namensgebungen. Bestimmte Merkmale wie Geschlecht, Alter, regionale und soziale Herkunft, die uns für gewöhnlich mehr über unser Gegenüber verraten, lassen sich aus extravaganten Namen oft gar nicht mehr oder eben falsch ableiten. Das kann vor allem zum Stolperdraht werden, wenn Kinder deswegen in der Schule gehänselt werden, der Name irgendwann nicht mehr dem Alter entsprechend klingt, das Buchstabieren des Namens am Telefon zur Regel wird oder sie erwachsen werden und auf Jobsuche gehen müssen. Denn ob man will oder nicht: manchen Namen haften Vorurteile an – und von denen können sich auch viele Personalchefs nicht freisprechen.

Man zappe nur mal in den nächsten TV-Live-Auftritt von Comedian XY. Für die sind Fälle wie der einer Mutter, die ihrem Sohn nicht weniger als zwölf Vornamen verpassen wollte, ein gefundenes Fressen. Für das Kind ging es aber nochmal glimpflich aus: Das Oberlandesgericht Düsseldorf wies den Antrag mit der Begründung ab, dass die Namenwahl nicht dem Kindeswohl widersprechen dürfte. Kaum zu glauben, bei so klangvollen Namen: Chenekwahow Tecumseh Migiskau Kioma Ernesto Inti Prithibi Pathar Chajara Majim Henriko Alessandro.

Verhängnisvolle Einzigartigkeit

Ist der Name mal gewählt, liegt das Kind schon halb im Brunnen: Die bürokratischen Hürden für eine Namensänderung in Deutschland sind hoch. Ist ein Name vergeben, ist er nur schwer wieder zu ändern – und das hängt meist vom jeweiligen Standesbeamten ab. Denn der muss abwägen, ob ein wichtiger Grund vorliegt und ob dieser auch über dem öffentlichen Interesse steht. Nur weil ein Name aus der Mode gekommen ist, zieht hier also nicht.

Auch bei ungünstigen Namenskombinationen entscheidet am Ende ein Beamter. Und geht der in der Annahme, dass eine Änderung des Nachnamens weniger kompliziert wäre, behält man seinen Vornamen. Herr und Frau Grube sollten sich also lieber mehr als einmal überlegen, ob Claire wirklich der beste Name für ihre Tochter ist. Zumindest darf jeder seit November 2018 die Reihen­folge seiner Vornamen bestimmen.

Dann vielleicht doch noch mal einen Blick auf die Liste der beliebtesten Vornamen riskieren und nachschauen, ob sich nicht ein anderer schöner Name findet. Kinder können ja auch anders auffallen: wie durch schrille, modische Accessoires, die man bei Bedarf auch mal im Backpack liegen lassen kann. Und das Beste daran: diese Entscheidung treffen die Kinder selbst.