„Würden Sie ein Paket für Ihren Nachbarn annehmen?“
Ohne helfende Nachbarn bleiben viele Päckchen und Paket auf der Strecke.

„Würden Sie ein Paket für Ihren Nachbarn annehmen?“

Mehr als 3,4 Milliarden Sendungen wurden 2018 in Deutschland durch KEP-Dienstleister (Kurier-, Express- und Paketdienste) transportiert. Nur ein ganz minimaler Bruchteil davon ging an mich. Wenn ich mich kurz vorstellen darf: Ich bin ein Mensch, der – genau wie viele andere auch –am Samstag zwar online stöbert und schaut, aber erst am Sonntag die Bestellung aufgibt. Erstens weil ich so noch mehr Zeit habe, um Preise und Händler zu vergleichen. Zweitens geht das Paket sowieso frühestens am Montagmorgen auf die Reise, egal ob Samstag oder Sonntag geklickt.

„Kommt voraussichtlich Dienstag“

Streikt nicht gerade jemand, das Wetter dreht durch (spontan überraschender Schneefall im Winter!) oder drohen anderweitige Weltuntergänge, bedeutet der sonntägliche Online-Einkauf: Dienstagabend wartet nach der Arbeit zu Hause ein Paket. Das steht dann entweder vor der Wohnungstür oder bei einem freundlichen Nachbarn.

Das heißt, es ist nur dort, wenn der Paketbote nach Feststellung, dass ich nicht anwesend bin, auch bei einem Nachbarn geklingelt hat, der zufällig da war. Also wenn er denn überhaupt das Paket aus seinem Auto geladen und die Klingel benutzt hat. Böse Zungen behaupten, die „Besuchen Sie doch mal unsere Filiale und holen Sie Ihr Paket ab“-Karten flattern regelmäßig ohne Klingelbetätigung in Briefkästen, selbst wenn der Empfänger an der Wohnungstüre auf das erlösende Klingeln lauert.

Der kleine russische Laden in der Nachbarschaft

Glücklich ist jener, der mit Menschen in einem Haus wohnt, die mittags den Paketboten empfangen und abends auch zur direkten Weitergabe anwesend sind. Andernfalls gleicht die Wohnung der freundlichen Rentnerin aus dem zweiten Stock samstags einer Logistikzentrale, in der alle Nachbarn im Laufe des Tages ihre bestellten Habseligkeiten abholen.

Gelegentlich ist natürlich auch der beste Nachbar mal unterwegs. Dann wartet kein Paket daheim, sondern oft nur die Nachricht, dass man selbiges ab morgen in der nahegelegenen Weinhandlung, dem russischen Lebensmittelgeschäft zwei Stadtteile weiter oder in der nächsten Postfiliale abholen darf – je nach Unternehmen. Ob so der lokale Einzelhandel durch den Onlinehandel angekurbelt wird, ist leider nicht belegt.

Ein besonderen Sinn für Humor hat freilich das Versandunternehmen, welches mir per Wurfsendung mitteilt, dass es mich am Dienstagmittag um 13 Uhr nicht angetroffen hat, es aber einfach am nächsten Werktag noch einmal zur selben Zeit versucht. Logik ist eben nicht gleich Logistik.

Echte alternative Lösungen?

Möchte man nicht mittwochs in der Filiale mit der breiten Masse warten, gibt es auch noch die Selbstabholoption Packstation. Das setzt aber voraus, dass man bei der Bestellung auswählen konnte, dass mit DHL versandt wird. Ähnlich verhält es sich bei dem Feldversuch, dass die DHL einem das Paket in den Kofferraum des Smarts liefert – falls man gerade ein passendes Gefährt gerade zur Hand hat. Auch die Tankstelle als angestrebtes Zwischenlager setzt auf eine eigenständige Abholung.

Eine universelle Lösung für alle Paketdienste – ohne die Nachbarn zu belästigen – sollten die Paketboxen direkt für die Wohnungstüre sein. Bei einem dieser Anbieter mal nachgefragt, wie denn der Paketbote durch die Haustüre des Mehrfamilienhauses an die Wohnungstüre gelangt, gab es zur Antwort: „Hallo, bei Mehrfamilienhäusern steht die Haupteingangstür oft offen.“ Das wünscht sich leider auch der Einbrecher. Der Erfolg dieser Boxen hält sich entsprechend in Grenzen.

Das Gelbe vom Ei ist als Lösung also noch nicht dabei. In diesem Sinne: ein Hoch auf die netten Nachbarn! Und für alle ohne Nachbarn: bis Mittwoch.