Nie wieder hitzefrei
Arbeiten bei Temperaturen, bei denen andere Urlaub machen? Leider kein Grund, die Füße hochzulegen …

Nie wieder hitzefrei

Ach, das waren noch Zeiten, als Schüler automatisch hitzefrei bekommen haben, wenn es morgens um 10 Uhr schon wärmer als 25 Grad im Schatten war. Das muss irgendwann im vorigen Jahrhundert gewesen sein, als es noch keinen Klimawandel gab. In Baden-Württemberg zum Beispiel – Schulpolitik ist Ländersache – erteilte das Kultusministerium 1975 die offizielle Erlaubnis, die 25-Grad-Regelung umzusetzen. 1983 aber gab es schon einen Rückzug; seitdem entscheiden die Schulleiter, ob und wann die Schüler nach Hause dürfen – frühestens ab der vierten Stunde. Oberstufler und Abiturienten gar nicht, zumindest in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, weil die eh mehr aushalten können und müssen.

Wenn das Mamitaxi Verspätung hat

In Bayern hat man eine ganz lockere Regelung: Wenn es dort tatsächlich irgendwann mal hitzefrei geben sollte, was angesichts der Klimaerwärmung ja eher unwahrscheinlich ist, dann werden die Unterrichtseinheiten einfach von 45 auf 30 Minuten verkürzt. Toll! An Ganztags- und Grundschulen gibt es eher grundsätzlich kein hitzefrei, denn die sogenannte verlässliche Grundschule bedeutet, dass die Betreuung der Kinder bis zu einer bestimmten Zeit gewährleistet werden muss. Im Zeitalter der Helikopter-Eltern kann ein Kind, das zur Schule geht, leider nicht mehr allein zu Hause oder gar auf der Straße sein. Dazu ist es einfach nicht reif genug. Und damit das Mamitaxi in der Hitze des Gefechts gerade noch rechtzeitig vor der Schultür stehen kann, ist es arbeitsrechtlich möglich, dass Eltern vom Arbeitgeber unbezahlt freigestellt werden, damit das arme, kleine, hilflose und hoffnungslos verwöhnte Kind beaufsichtigt ist.

Hitzefrei im Büro nicht mal bei mehr als 35 Grad

Apropos Arbeit: Wie sieht es denn eigentlich mit hitzefrei im Büro aus? Schlecht. Sehr schlecht. Um nicht zu sagen: Gibt es nicht! Gibt’s doch gar nicht? Dafür gibt es ganz tolle Regelungen, die zum Beispiel besagen, dass in Arbeitsräumen die Temperatur grundsätzlich nicht über 26 Grad liegen sollte. Na ja, in besonderen Fällen, an heißen Sommertagen zum Beispiel, müssen Angestellte schon mal bei 35 Grad und mehr schuften. Der Arbeitgeber muss dann nur geeignete Schutzmaßnahmen ergreifen, heißt es. Cool! Einen rechtlichen Anspruch auf ein klimatisiertes Büro gibt es trotzdem nicht.

Erst Rollladen runter, dann Hosen runter

Laut der „technischen Regeln für Arbeitsstätten“, die es seit 2010 gibt, muss der Chef sogar schon bei 26 Grad handeln. Also für Jalousien, Markisen, spezielle Verglasung sorgen. Oder die Kleidungsvorschriften lockern, was nicht heißt, dass das Büro zum FKK-Bereich wird, weil: „Technische und organisatorische Maßnahmen gehen gegenüber personenbezogenen Maßnahmen vor.“ Heißt also, erst Rollladen runter, dann Hose runter. Bei mehr als 35 Grad am Arbeitsplatz kann der Arbeitgeber auch zu nützlichen Geräten wie „Luftduschen“ oder „Wasserschleier“ greifen. Hä? Soll aus der Sklavengaleere dann doch ein Freizeitpark gemacht werden, mit Frischluft und Planschbecken?

Einfach früher kommen und später gehen

Am simpelsten aber sind Gleitzeitregelungen nach Absprache. Bevor es richtig heiß in der Bude wird, einfach zwei Stunden früher kommen und dafür eine Viertelstunde früher gehen. Deal? Oder man kommt ein bisschen später und bleibt dafür sehr viel länger – bis es wieder kühl draußen ist. Arbeitsrechtlich ist es nun mal so: Der Arbeitnehmer ist im Zweifelsfall immer der Dumme. Wenn’s zu heiß wird, ist der Arbeitgeber zwar verpflichtet, irgendwie zu reagieren, erst wenn er weniger als nichts tut, gilt das sogenannte Zurückbehaltungsrecht, heißt: Dann könnte der Angestellte einfach mal zu Hause bleiben und seinen Mut kühlen. Was allerdings nicht bedeutet, dass ihm nicht doch eine Abmahnung oder gar fristlose Kündigung droht, auch wenn die bei einem einmaligen Vorfall keinen Bestand haben dürfte. Natürlich gibt es Ausnahmen für Schwangere, stillende Mütter und Mitarbeiter mit Attest. Die dürfen, ehe es zu heiß hergeht, nach Hause, falls sie da nicht ohnehin schon längst sind.