Nichts als Lügen
Um vor anderen kompetent dazustehen, ist nur ein Grund für die kleinen, täglichen Unwahrheiten.

Nichts als Lügen

1. Wir lügen 200 Mal pro Tag.

Gelogen! Oder sagen wir: dumm rausgeschwätzt. Irgendjemand hat mal die Zahl 200 in die Welt gesetzt, und viele plappern es immer wieder nach. Mal werden britische Forscher als Quelle genannt, mal ein US-Psychologe, der entweder John Frazer, Fraser oder Frazier heißt. Auch Deutsche wurden als Verbreiter dieser Lüge genannt. Der Romanist Professor Jochen Mecke von der Uni Regensburg, der ein Graduiertenkolleg zu „Kulturen der Lüge“ geleitet hatte etwa, verwies auf seinen Kollegen, den Psychologen Helmut Lukesch, der die Zahl wiederum irgendwo gelesen hatte … Dieser Professor immerhin ist den Lügen mit seinen Studenten nachgegangen und kam in genaueren Untersuchungen auf 1,8 Lügen pro Tag. Das deckt sich mit anderen Studien, in denen man auf die Zahl 2 gekommen ist – ohne zwei Nullen hintendran. Allein rechnerisch könnte man ja schon stutzig werden, denn bei 200 Lügen am Tag und 16 Stunden Wachsein würde man alle fünf Minuten lügen, obwohl viele am liebsten doch stundenlang schweigen …

2. Lügen ist eher eine Frage des Umfelds als der Persönlichkeit.

Wahr! Vor allem in Situationen, in denen wir jemandem gefallen und beeindrucken wollen, wird gelogen, dass sich die Balken biegen, wie Robert Feldman an der Universität Massachusetts herausgefunden hat. Der beauftragte 121 Studenten, sich in einem Gespräch mit Unbekannten möglichst kompetent und sympathisch darzustellen. 60 % gaben danach an, gelogen zu haben. In dem nur zehnminütigen Gespräch lag die Lügenquote bei 2,9. In einer anderen amerikanischen Studie kam heraus, dass besonders Besserverdienende stark zum Lügen tendierten. Paul Piff von der University of California sagte dazu, dass sich in besseren Kreisen ein Wertesystem entwickelt habe, „in dem Gier und andere Egoismen höher bewertet werden als Wahrhaftigkeit und gemeinschaftliches Handeln“. Die Soziologin Jan Stets setzte nach ihren Untersuchungen noch eins drauf und sagte: „Die für die Rezession mitverantwortlichen Broker, Hypothekenspekulanten und Investment-Banker konnten vermutlich so handeln, wie sie es getan haben, ohne Scham und Schuldgefühl, weil ihre moralische Identität auf einem niedrigen Standard war.“ Uhps!

3. Je älter man wird, desto seltener lügt man.

Gelogen! Es ist eher umgekehrt, zumindest in der ersten Lebenshälfte. Später dann setzt sich mit der Altersweisheit auch die Wahrheit durch. Die „Vom Junior- zum Senior-Pinocchio“-Studie der Uni Würzburg kam zu dem Ergebnis, dass „Kinder und ältere Erwachsene seltener lügen und mehr Mühe haben beim Lügen als junge Erwachsene.“ Kreativ sein, so eine beschönigende Umschreibung, geht eben nicht ganz mühelos, sondern erfordert komplexe Gedanken und Anstrengungen, Stichwort: Lügengebilde. Um also glaubhaft zu wirken, muss man sich ganz schön anstrengen. Im Alter lässt das wohl wieder nach – und Kinder können das noch nicht so gut. Eine Untersuchung an der University Toronto mit 1.200 Probanden hat ergeben: Je älter die Kinder werden, desto häufiger lügen sie. Im Alter von zwei Jahren flunkern demnach 20 %, mit drei Jahren sind es schon 50 % und mit vier sind es 90 %. Professor Kang Lee, Leiter der Studie, sagt es so: „So gut wie alle Kinder lügen. Die mit der besseren kognitiven Entwicklung lügen besser, weil sie ihre Spuren besser verwischen. Im späteren Leben könnten sie vielleicht Banker werden“ – wo sie sich in einem idealen Umfeld – siehe Punkt 2 – noch besser entwickeln können …

4. Wer mehr Zeit zum Überlegen hat, lügt weniger.

Wahr! Und das macht Moralisten Mut. Aus einem Versuch an der Universität Amsterdam lässt sich ableiten, dass wir eher instinktiv als reflektiert lügen. 76 Probanden bekamen einen Würfelbecher, in dem man durch ein Loch die Würfel sehen konnte. Es sollte dreimal gewürfelt und danach die Zahl genannt werden. Je höher die Punktzahl, desto mehr Geld wurde als Gewinn angeboten. Die eine Gruppe sollte innerhalb von 20 Sekunden würfeln, die andere bekam kein Zeitlimit gesetzt. Ergebnis: Die Gruppe unter Zeitdruck kam laut eigenen Angaben auf einen erschwindelten Durchschnittswert von 4,6, die Gruppe ohne Limit nur auf 3,9 und war somit deutlicher näher am statistischen Erwartungswert von 3,5. Die Forscher schließen daraus, dass das Gewissen eine gewisse Zeit braucht, bis es sich bemerkbar macht und durchsetzen kann. Diese These bestätigt eine US-Studie, laut der in E-Mails um 50 % mehr gelogen wird als im handgeschriebenen Brief. Die Folgerung: In Online-Steuererklärungen könnte mehr betrogen werden als in auf Papier ausgefüllten.

5. Oft dienen Lügen einer guten Sache statt dem Eigennutz.

Gelogen. Und wahr zugleich. Kommt halt darauf an. Wissenschaftler unterscheiden gerne zwischen weißen und schwarzen Lügen. Weiße Lügen nützen dem Mitmenschen mehr als dass sie schaden und sind gut fürs Zusammenleben, falsche Komplimente etwa. Anstatt der Frau zu sagen: „In dem Kleid siehst du echt fett aus“, kann man schonend auf ein anderes zeigen und sagen, dass ihr Blau viel besser stehen würde. Wie weit Ärzte bei einer geschönten Diagnose gehen können, ist allerdings unklar. Ganz und gar eigennützige Lügen hingegen, die einem in der Schule, bei der Arbeit oder der Steuererklärung Vorteil bringen sollen, sind schwarze Lügen. Und wenn man sich nun Statistiken anschaut (Zitat: „Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe.“), sind die weißen Lügen natürlich viel mehr verbreitet. Laut einer Umfrage von myMarktforschung geben zwar 60 % der Deutschen zu, täglich mindestens einmal zu lügen (war das nicht zwei- oder dreimal?), aber 49 % nur, um andere aufzumuntern oder ihnen eine Freude zu machen, 40 % täuschen Fleiß und Einsatz vor, 37 % wollen Trost spenden und nur 22 % sagen, sie lügen sich bessere Fähigkeiten zurecht oder geben fremde Leistungen als eigene aus. Problem also bei Lügenumfragen, dass sie eben auf Lügen basieren können. Und: Kann nicht auch eine vordergründig gutgemeinte Lüge schaden? Wenn trotz aller (falschen) Rücksicht die Wahrheit ans Licht kommt und das Gegenüber umso härter getroffen wird?

6. Frauen lügen häufiger als Männer.

Gelogen. Angeblich. Und im Sinne von weißen Lügen behauptet die Psychologin (eine Frau!) Claudia Mayer in ihrem Buch „Lob der Lüge“ (befangen!), Frauen flunkerten mehr für andere um des lieben Friedens willen, derweil Männer als Egoschweine die Wahrheit nur für sich zurechtbiegen. US-Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass Männer lügen, wenn es um den Job, das Auto oder Freizeitaktivitäten gehe, Frauen hingegen beim Alter, Gewicht und ihren Einkäufen. Der Wiener Sozialpsychologe Peter Stiegnitz schätzt, dass Frauen 20 % weniger lügen als Männer, weil Frauen offener und offensiver seien. Der in Punkt 2 erwähnte Versuch an der Universität Massachusetts hat allerdings auch geschlechterspezifisch was ergeben. In den Gesprächen, in denen Studenten ein unbekanntes Gegenüber beeindrucken sollten, haben die Frauen besonders häufig gelogen, wenn sie davon ausgegangen sind, dass es ein Wiedersehen gibt. Dass sich Frauen beim Lügen intelligenter anstellen würden, widerspricht dem ein wenig – ist doch die Gefahr, in weiteren Gesprächen als Lügnerin enttarnt zu werden, viel größer.

7. Lügner sind intelligenter, haben mehr Freunde und leben gesünder.

Wahr und auch wieder nicht. Jedenfalls gehört Tricksen, Tarnen, Täuschen zur Evolution und garantiert auch im Tierreich bessere Überlebenschancen. Ausführlich erklärt dies der österreichische Lügenforscher Professor Josef Perner: „Lügen zu verstehen ist sehr wichtig. Wenn in unserer Gesellschaft jemand lügen kann, hat er einen sehr großen Vorteil. Deshalb müssen alle anderen auch verstehen lernen, was da geschieht, wenn man lügt, um dem entgegenhalten zu können. Das ist auch einer der Hauptansätze, wie die Evolutionstheorie erklärt, warum wir ein Verständnis des menschlichen Geistes entwickelt haben: Um eben lügen zu können und Lügen entgehen zu können.“ Insofern ist auch die Erkenntnis von Psychologen relativ zu sehen, dass Lügner mehr Freunde haben als ehrliche Menschen. Denn wenn die Freunde dazu lernen und klüger werden, dann wollen sie mit dem Lügner vielleicht nichts mehr zu tun haben. Es sei denn, sie gehören zu der Kategorie, die die Wahrheit nicht hören und sich lieber umschmeicheln lassen wollen. Gut für die Gesundheit aber ist Lügen angeblich nicht, wie ein Versuch mit Lügendetektor an der Universität Notre Dame in Indiana ergeben hat. Diejenigen, die bei der Wahrheit bleiben durften, litten seltener unter Verspannungen, Stress, Kopfschmerzen, Traurigkeit und Angst. Ob wir das glauben sollen? Vielleicht waren das einfach nur schlechte Lügner im Sinne von guten Menschen. Denn richtig Gewissenlose haben eben auch kein Gewissen, von dem sie geplagt werden können – und leider bleibt häufig der Ehrliche in jeder Hinsicht der Dumme.