Mental Load richtig beseitigen
Statt Durchdrehen im Hamsterrad lieber mal Abwarten und Tee trinken.

Mental Load richtig beseitigen

Meine Bücherecke rund um Mental Load ist soeben in den Keller gewandert, in die Abteilung „Flohmarkt/Altpapier“. Fast zwei Jahre habe ich versucht, das Trommelfeuer in meinem Hirn in den Griff zu bekommen: Welches Kind braucht neue Schuhe? Ist die Wäsche noch im Trockner? Reicht das Futter für den Wellensittich? Oma hat in drei Tagen Geburtstag? Was ist mit der feuchten Stelle hinter der Garage? Vor dem Einschlafen trommeln diese Überlegungen, ich träume von To-dos und verpassten Terminen, wache auf mit dem, was als Erstes, Wichtiges, unbedingt dringend heute erledigt werden muss, und blicke beim Gang zur Kaffeemaschine auf die Wandtafel in der Küche: Wichtiges hier eintragen. Drei Einträge stehen da: Geburtstag Timmy, Geburtstag Johanna und Einschulung. Alle Einträge sind drei Jahre alt.

In der Zwischenzeit haben WIR das Thema Aufgaben und Arbeitslast in der Familie von allen Seiten beleuchtet, Organisationsformen ausprobiert, die Kinder mittels bunter Illustrationen miteinbezogen und viel Zeit damit verbracht, ein faires Punktesystem zu entwickeln. Das Tischdecken bekam zwei Punkte ebenso wie die Waschmaschine befüllen – Routinetätigkeiten mit vergleichsweise wenig Denkarbeit und Zeitaufwand. Wir haben lange überlegt, ob auch das Wäschesammeln vor dem Waschen Punkte Wert ist, konnten uns aber nie einigen. Der Wochenendeinkauf hatte fünf Punkte, Klamottenshoppen drei und Staubsaugen wurde abgewertet von drei auf einen Punkt. Wir hatten einen Saugroboter gekauft, und den einen Punkt gab es dann noch, weil das Maschinchen ja nicht nur eingeschaltet, sondern auch gereinigt werden muss.

Die Aufgaben- und Punkteliste war zu Beginn in einem ein DIN-A4-Heft niedergeschrieben. Am Ende jeder Woche habe ich mich hingesetzt und die Einträge summiert. Für diese Tätigkeit notierte ich mir selbst vier Punkte, denn sie war sehr zeitintensiv und verlangte großes diplomatisches Geschick. In manchen Wochen war der Müll angeblich achtmal entsorgt worden, regelmäßig vor Geburtstagen kam das vor. Oder es fanden sich neue Tätigkeiten wie „Nachdenken bei Hausaufgaben“ mit einer Punktewertung, die nur als Betrug zu bezeichnen ist.

Diese schwierige Aufgabe allerdings wurde bald mit einem sehr klaren Bild belohnt. Wer die Liste führt, hat in der Regel die meisten Punkte. Wer keine Einträge macht oder machen lässt, hat deutlich weniger Punkte. Und je größer der Abstand zwischen Punkte-Macher und Punkte-Nichtmacher, desto geringer wurde das Interesse der anderen Familienmitglieder. Die Aktion war in eine schwere Krise geraten.

Der neue Ansatz war dann sehr viel fundierter. Nach ein paar Artikeln und Büchern hatten wir uns eine solide Wissensbasis angeeignet. Alle waren etwas reifer geworden und die Liste wurde nun im Wechsel ausgewertet, immer von einem Team aus Erwachsenem und Kind. Dieser Ansatz scheiterte noch schneller. Die Kinder waren von der Notwendigkeit einer ausgewogen organisierten und fairen Arbeitsverteilung nicht zu überzeugen und verweigerten die Mitarbeit. Meine Liste von punktewürdigen Tätigkeiten war inzwischen auf dreihundertvierzehn verschiedene Tätigkeiten angewachsen, das Punktesystem von 5 auf 10 ausgeweitet worden. Nur noch ich konnte dieses System beherrschen. Auch mein Partner hat das eingesehen, die Kinder waren längst außen vor, und ich habe dann, je nach Punktestand und Befähigung, den Familienmitgliedern die Pläne für die kommende Woche geschrieben. Dafür gab es selbstverständlich die volle Punktzahl auf mein Konto.

Dieser Traum endete vor sechs Wochen. Johanna lag plötzlich krank im Bett, ihr Papa war auf Dienstreise und Timmy auf Klassenfahrt. Mein Chef war nicht begeistert, aber verhalten kooperativ. Morgens kam ich ein paar Minuten später, in der Mittagspause bin ich kurz heim geflitzt und abends dann wieder ein paar Minuten früher gegangen. Ich musste halt nur etwas schneller arbeiten. Am Ende der Woche lag ich dann flach, von Heulkrämpfen geschüttelt. Zwar war mein Partner wieder da und sofort auf alle liegengebliebenen Jobs losgesprungen, aber meine Liste war am Ende. Ich hatte weder einen Eintrag machen können, noch waren die Jobs für die kommenden Tage verteilt. Und ausgerechnet an diesem Wochenende kam mein Bruder Klaus zu Besuch.

Klaus ist Fahrlehrer von Beruf, lebt in wechselnden Beziehungen und kann erschreckend klare Ansagen machen. Trotz seiner eingeschränkten sozialen Fähigkeiten war ihm schnell aufgefallen, daß es mir nicht gut ging und die Wohnung einer Deponie nicht unähnlich war. Wir saßen uns also gegenüber und er sagte das: „Das Leben ist wie Autofahren. Man kann während der Fahrt weder die Verkehrsregeln nachschlagen noch aufs Bremsen verzichten, obwohl man Vorfahrt hat. Was getan werden muss, muss man machen. Diskutieren bringt im fließenden Verkehr gar nichts. Und den Stress der anderen kannst Du sowieso nicht beurteilen.“

Am folgenden Montag war ich krank. Die Kinder haben mir Frühstück ans Bett gebracht, und mein Partner hatte frei und blieb ebenfalls zu Hause, räumte weiter auf, machte Wäsche und ging einkaufen. Ich wusste, dass Klaus Recht hatte. Autofahren war nicht meine Paradedisziplin und ich beschloss meine Liste fürs Erste auf Eis zu legen. Und seitdem läuft alles viel flüssiger. Sogar die Kinder machen mit.