Mama liest mit
Schon rund die Hälfte aller Eltern kontrollieren, was ihre Kinder am Smartphone treiben.

Mama liest mit

Schützen oder Schnüffeln?

Ob Facebook, Snapchat oder E-Mail, bereits die Hälfte aller Eltern kontrolliert per Software, was Kinder mit dem Handy machen. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Eine App zeigt, wo das Kind gerade ist, eine andere liest heimlich Nachrichten und E-Mails mit, eine dritte sperrt den Internetzugang, sobald ein elterlicher (Kontroll-)Anruf nicht unverzüglich beantwortet wird. Gründe für Überwachung gibt es viele, schließlich möchte man nur Gutes für sein Kind. Erzieher, Datenschützer und sogar Polizisten allerdings warnen.

Angst macht unsicher

Wenn Eltern ständig Besorgnis und Angst vorleben, überträgt sich das früher oder später auf das Kind. Statt vorsichtig und bedachtsam wird es im Extremfall ängstlich und scheu. Außerdem spürt das Kind, dass selbst die eigenen Eltern ihm nicht trauen – das verunsichert zusätzlich und signalisiert dem Kind: „Trau auch du auch niemandem!“ Um dem vorzubeugen, müssen Eltern offen erklären, was und warum sie kontrollieren. Außerdem greift ab 14 Jahre das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ – dann dürfen auch Eltern persönliche Post (egal ob Brief, E-Mail oder Textnachricht) nicht mehr ungefragt lesen. Für Datenschützer ist Kontrollsoftware in jedem Alter ein Problem. Einerseits werden Kinder in ein Überwachungssystem hinein erzogen und verzichten damit unbewusst auf Privatsphäre. Andererseits sind Nanny-Apps ein potenzielles Tor für Datensammler und Datendiebe. Ist die Software gehackt, liegt der Tagesablauf eines Kindes vollständig offen – kein schöner Gedanke.

Tracking ausgehebelt

Der weitaus größte Teil sexueller Übergriffe auf Kinder ist per App nicht zu verhindern, wissen Kriminologen. Die Täter kommen überwiegend aus dem direkten Umfeld der Kinder – ohne elektronische Kommunikation. Für die eigentliche Gefahr ist Kontrollsoftware deshalb blind. Und wenn Kinder älter werden und nicht (mehr) überwacht werden wollen, weichen sie aus auf andere Geräte und Kanäle – schließlich wissen sie genau, was und vor wem sie sich verbergen wollen.

Sicher mit Bedacht

Schützen per Software muss als ein Teil des familiären Sicherheitskonzepts gedacht werden – sonst stehen Eltern schnell in einer Sackgasse. Statt die (scheinbare) Kontrolle vollständig an Geräte und Programme abzugehen, ist es besser, gemeinsam mit den Kindern Sorgen, Gefahren und Möglichkeiten zu besprechen. Je nach Alter ist abzuwägen, wieviel Überwachung Sinn macht und welche Alternativen es gibt. Wenn Eltern beispielsweise wissen, wo sich ihr Kind gerade aufhält, wissen sie noch nicht, wer außerdem dabei ist und was gerade wirklich passiert. Wenn das Kind dann auch nicht auf einen Anruf reagiert, ist Panik die denkbar schlechteste Reaktion. Eltern und Kinder müssen deshalb vorher absprechen, welche Regeln gelten – sowohl auf dem Spielplatz als auch beim Umgang mit Handy und Computer. Nur wenn Kinder verstehen, welche Gefahren drohen und welchen Schutz es gibt, werden sie die Hilfe ihrer Eltern akzeptieren und unterstützen.