Sommerzeit: Leben gegen die innere Uhr

Sommerzeit: Leben gegen die innere Uhr

Jedes Jahr am letzten Märzwochenende werden wir um eine Stunde bestohlen. Die bekommen wir zwar Ende Oktober wieder zurück. Aber nach der Zeitumstellung sind wir – je nach persönlicher Konstitution – zwischen etlichen Tagen und einigen Wochen angeschlagen, übernächtigt und unkonzentriert. Wir schlucken mehr Medikamente (besonders solche gegen Schlafstörungen) und verursachen mehr Unfälle. Der Anstieg der Kollisionen im Straßenverkehr liegt jedoch nicht nur am durcheinandergewirbelten Biorhythmus der menschlichen Verkehrsteilnehmer. Auch Wildtiere sind überfordert, wenn Automobile plötzlich zu veränderter Stunde ihre Wege kreuzen. Domestizierte Viecher tun sich ebenfalls schwer. So gewöhnen sich beispielsweise Kühe nur langsam an veränderte Melkzeiten und geben in den Folgetagen weniger Milch.

Der Sommerzeit-Jetlag

Unsere innere Uhr richtet sich nach Sonnenaufgang und Sonnenuntergang – in Abhängigkeit vom Breitengrad unseres Wohnorts. Dieser Hell-Dunkel-Rhythmus beeinflusst die Ausschüttung des „Schlafhormons“ Melatonin. Wird nun die Uhr vorgestellt, ohne dass sich der Licht-Rhythmus mitverändert, kommt der Körper durcheinander. Fragt man Experten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), verweisen diese auf die Organuhr. Und haben eine weitere Erklärung für den Sommerzeit-Jetlag: Wenn wir plötzlich nicht mehr um kurz nach sieben Uhr morgens frühstücken (also dann, wenn der Magen am aktivsten ist), sondern eine Stunde früher (wenn eigentlich der Dickdarm sein Recht fordert), gerät die penible Organ-Taktung durcheinander.

Tatsache ist: Immer mehr Menschen leiden unter der Zeitumstellung. Besonders hart trifft es Kinder, die mit dem neuen Rhythmus schlechter zurechtkommen und oft quengelig werden. Und Jugendliche, die hormonell bedingt eher zu den Spätaktiven zählen – im Volksmund „Eulen“ genannt. Die müssen dann plötzlich im Halbschlaf zur Schule. Mit zunehmendem Alter hingegen werden viele Menschen zu „Lerchen“, stehen also grundsätzlich früher auf und gehen früher zu Bett – dann wirkt auch die Zeitumstellung nicht mehr so gravierend. Frauen sollen laut diverser Studien auf die fehlende Stunde übrigens sensibler reagieren als Männer.

Nervig, aber nicht loszukriegen

Zwischen 50 und 70 Prozent der Deutschen (so richtig einig sind sich die Untersuchungen dazu nicht) sprechen sich gegen die alljährliche Uhrenmanipulation aus und würden sie am liebsten abschaffen. Dazu wurden bereits mehrere Initiativen gebildet und allein in der aktuellen Legislaturperiode 2013 – 2017 sage und schreibe 571 Petitionen eingereicht. Auch eine ganzjährige Beibehaltung der Sommerzeit steht als Alternative im Raum – was jedoch von Chronobiologen (so heißen Menschen, die sich hauptberuflich mit der inneren Uhr beschäftigen) ebenfalls als Stressfaktor für den Organismus gesehen wird. Ein Video dazu finden Sie hier.

Einen anderen Weg geht man in Bad Kissingen. Dort läuft seit 2013 das Projekt Chrono City – ein Versuch, die Stadt dem Biorhythmus der Menschen anzupassen: Kliniken richten sich nach den Schlafphasen ihrer Patienten, Schulen nehmen durch veränderte Unterrichtszeiten auf die innere Uhr ihrer Schüler Rücksicht, Tageslichtlampen sorgen für ein möglichst natürliches Licht beim Lernen. Allerdings: Auch in Bad Kissingen dürfen die Uhren nicht anders ticken, ein verwegen angedachter Ausstieg aus der Sommerzeit ist dort Ende 2015 gescheitert. Denn die deutsche Sommerzeit ist inzwischen Sache der Europäischen Union (Richtlinie 2000/84/EG) und kann nur auf Initiative der EU-Kommission wieder abgeschafft oder geändert werden.

Was die Umstellung etwas erleichtert

Ein paar Tricks gibt es ja. In den zwei Tagen vor der Umstellung auf die Sommerzeit jeweils eine halbe Stunde früher aufstehen und den Tag entsprechend gestalten (früher essen, kein Mittagsschlaf, früher zu Bett). Oder die Uhr schon am Samstagabend umstellen. Um Kinder an den neuen Rhythmus zu gewöhnen, helfen Bewegung und Sauerstoff an der frischen Luft sowie das Beobachten des kindlichen Biorhythmus: Alle 40 bis 60 Minuten kommen Kinder an einen „toten Punkt“ – beste Gelegenheit fürs Zubettgehen.

Und was soll das Ganze?

Eingeführt wurde die Sommerzeit einst als Energiesparmaßnahme. Wenn es abends länger hell ist, braucht die Bevölkerung weniger Strom, so die Theorie. Die wurde jedoch längst durch den höheren Heizaufwand in den dann kühleren Morgenstunden und die energieintensiven abendlichen Freizeitbeschäftigungen ad absurdum geführt. Das bestätigt auch das „Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag“ (TAB) in seiner aktuellen „Bilanz der Sommerzeit“. Die vom Parlament beauftragten Wissenschaftler finden „keine belastbaren Hinweise darauf, dass die Anwendung der Sommerzeit ernsthafte positive oder negative energetische, wirtschaftliche oder gesundheitliche Effekte nach sich ziehen würde“. Die Sommerzeit bringt also im besten Falle: nichts. Das Einzige, was man ihr zugute halten kann: Beim drüber Schimpfen sind sich endlich mal wieder alle einig.

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