Kochen am Bildschirm – reine Geschmacksache?
Nachkochen vom Bildschirm sieht einfach aus. Aber wo bleibt der gute Geschmack?

Kochen am Bildschirm – reine Geschmacksache?

Sie schneiden, hacken, kneten und rühren – immer appetitlich und in Windeseile. Flinke Hände zaubern innerhalb kürzester Zeit tolle Gerichte, Snacks und Desserts. Hunderte kurzer Koch-Clips verstopfen im Moment täglich die Facebook-Timelines vieler User. Kaum scrollt man über die Videos, laufen sie einfach los, ohne dass man sie extra antippen müsste. Die erste Hürde ist also schon überwunden, und klar schaut man dann auch mal hin. Dauert ja nicht lange. Von oben gefilmt und selbst ohne Ton konsumierbar, brauchen die meisten Clips für einen Snack nicht einmal eine ganze Minute – und machen so schnell Lust auf mehr.

Tasty und Tastemade nennen sich zwei der größten Vertreter. Und die haben eigene Kanäle auf Youtube, Instagram, Pinterest und Twitter – und scheinbar einen unerschöpflichen Fundus an neuen Kreationen. Meistens mit viel Käse. Denn es sieht einfach super aus, wenn der sich am Ende des Clips in wachsweichen Fäden aus dem fertigen Produkt ziehen lässt – begleitet von einem begeisterten „Oh, yes!“ Was viele Fast-Food-Läden noch nicht geschafft haben, machen uns die Macher der Videos jetzt schmackhaft: total ungesundes Essen gesund wirken zu lassen. Unsere Arterien freuen sich sicher über den Schinken-Ei-Käse-Zopf aus Blätterteig zum Frühstück.

Alles ist erlaubt

Es wird frittiert, glasiert und eingepinselt – immer am Rande des Cholesterin- oder Zuckerschocks. Alles, was uns Ernährungsberater und Fitness-Trainer über Jahre hinweg ausgeredet haben, scheint jetzt wieder erlaubt zu sein. Samstagabend halb elf ist ja immer noch die beste Zeit für einen Käsetoast mit Spiegelei. Aber nur, wenn der auch in Speck gewickelt ist. Der Magen freut sich schließlich, wenn er nachts so richtig was zu tun hat. Alles kein Problem. Jeder noch so fette Geschmacksträger wird hier irgendwie zum essenziellen Bestandteil einer guten Mahlzeit. Denn Waffeln schmecken immer dann am besten, wenn aus ihrem Inneren ein halbes Kilo Haselnusscreme quillt.

Das erspart den Videoköchen auch meistens, genaue Angaben zu den Rezepten zu machen. Eine Hand voll Käse hier, ein Tässchen Mehl da und zum Schluss noch ein Schüsselchen Knoblauch drüber, fertig. Es gehört also auch ein bisschen Glück dazu, immer die richtige Mengenangabe zu erwischen. Und Kochschritte, die nicht gezeigt werden, muss eben mit ein wenig Intuition bewerkstelligen. Keine Zutatenliste, keine nervige Anleitung – alles easy. Vielen geht es dabei sicher nicht mal um den Geschmack, sondern eher darum, dass die Kokosnuss-Mango-Käsekuchen-Cupcakes oder die BBQ-Chicken-Rollups nachher auf Instagram viele Likes absahnen.

Richtig kochen vs. Hefekloß-Taktik

Würde man nur jeden zweiten Rezeptvorschlag in der eigenen Timeline nachkochen, würde man nach kurzer Zeit wahrscheinlich auseinandergehen wie ein Hefekloß. Aber es gibt ja immer noch den wirksamsten Diät-Tipp überhaupt: nur schauen, nicht anfassen.

Kochen lernt man von den Clips übrigens genau so gut, wie beim Nachahmen von Gerichten aus Kochboxen diverser Online-Anbieter. Nämlich gar nicht. Anstatt den Kopf einzuschalten und elementare Schritte des Kochens zu lernen, rührt man nur zusammen, was laut den Videoköchen zusammen gehört – ergebnisoffen. Komisch, im Video hat das Ganze gerade noch ziemlich gut ausgesehen. Dann gibt’s halt doch wieder nur Spiegelei. Das geht auch ohne Video. Wenn man’s kann.