Kann Langeweile Kindern gut tun?
Einfach mal einen Gang runter schalten: Kinder finden sich mit Langeweile schnell zurecht – Hauptsache der Scout ist für den nächsten Schultag schon gepackt.

Kann Langeweile Kindern gut tun?

Angeblich brauchen sie keinen Schlaf, müssen immer irgendetwas sofort haben und dürfen jede Tätigkeit anderer jederzeit unterbrechen. Davon sind viele Kinder absolut überzeugt. Wer als Erwachsener dann noch die – mit kindlicher Unglücksmiene dekorierte – Aussage „mir ist langweilig …“ als Aufforderung versteht, sofort Abhilfe schaffen zu müssen, sitzt voll in der Falle.

Quengeln, Quatschen, Nervensägen

Die gefühlte Pflicht zum pausenlosen Bespaßen und der allumfassenden Bedürfnisbefriedigung kleiner Plagegeister überfordert Eltern und bringt Kindern wenig. Im Gegenteil: Dauerbeschäftigung oder gutgemeinte Förderung mit Sport, Musikunterricht oder Kursen stresst Kinder über deren Belastungsgrenze – montags Hockey, dienstags Musikschule, Mittwoch Schwimmtraining usw. Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben mehr als 1.000 Kinder zwischen 6 und 16 Jahren befragt – Ergebnis: Jedes Kind leidet mehr oder weniger unter Stresssymptomen wie Kopfschmerzen oder Bauchweh und hat Probleme mit dem Einschlafen. Außerdem entwickeln sie weder Geduld noch Kreativität, ignorieren die Bedürfnisse anderer und finden keine Ruhe, sagt Alex Pouget, Hirnforscher an der Universität Rochester in New York. Als Gegenmaßnahme empfiehlt er: Langeweile. Und er wertet diese Zeit um, bezeichnet sie positiv als Mußestunden. Seine Forschungen zeigen, dass dieses gezielte Nichtstun zu besseren Ideen führt, die Konzentration fördert und ausgeglichener macht. Deshalb der Rat an alle Eltern: Einfach mal die angebliche Langeweile ignorieren und die Kleinen mit ihrem angeblich so drängenden Problem alleine lassen – jedenfalls für einige Zeit – und Schluss mit dem übervollen Wochenplan.

Gezielte Langeweile ist keine Vernachlässigung

Trotz anfänglicher Tränen, Wutausbrüchen oder Beleidigtsein: Kinder finden sich mit der ungewohnten Situation schnell zurecht – ein Malbuch ersetzt den Fernseher, altes Spielzeug erwacht zu neuem Leben, die Beschäftigung mit sich selbst stoppt Kabbeleien unter Geschwistern. Die dann einkehrende Ruhe empfindet mancher Erwachsener jedoch beunruhigend: Was es wohl gerade macht? Vernachlässige ich mein Kind? Und was mache ich jetzt mit meiner Zeit? Auch dieses Phänomen zeigt die Untersuchung der Uni Bielefeld: Die Hälfte aller Eltern glaubt, ihre Kinder ungenügend zu fördern – statt auf Ruhe setzen sie auf noch mehr Aktivität. Der einzige Weg aus diesem Teufelskreis ist gezieltes Abschalten, raten Erziehungswissenschaftler, denn die Kinder wissen vor lauter Pflichten und Angeboten nicht mehr, was sie als nächstes machen sollen.

Halt! Auftanken für neue Abenteuer

Nur wer das Signal „Halt“ richtig als Pause für das Gehirn und nicht falsch als unproduktives Nichtstun versteht, entkommt der Spirale aus Ansprüchen und Leistungsdruck. Mal nichts zu tun, bedeutet ja nicht, nie wieder etwas zu tun. Müßiggang ist eben nicht aller Laster Anfang, sondern ein ganz persönlicher Spiel-Raum – zum Ausruhen, Nachdenken und andere Wege gehen – empfohlen für Kinder und Eltern.